[KI-Bilder: Wenn Bilder nur noch Bullshit sind | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-01/ki-bilder-deep-fakes-fotos-wahrheit/komplettansicht) 

 Willkommen zurück in Zeiten, in denen Bilder ganz vieles sind, nur nicht wahr! Für immerhin rund eineinhalb Jahrhunderte war das anders: Da existierten mit Fotografie und Film Bildmedien, die aufgrund ihrer technischen Voraussetzungen den Anspruch erhoben, die Welt so zu präsentieren, wie sie ist. Echt und authentisch zu sein. Natürlich wurden Kameras schon immer lediglich dorthin gerichtet, wo man etwas festhalten wollte und konnte, sodass sie nur höchst selektiv dokumentiert haben. Ebenso stimmte, dass sich das Bildmaterial nachträglich manipulieren ließ. Dennoch war unstrittig, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Fotografie und Film einerseits und Gemälden, Druckgrafik oder Animes andererseits gab. Die einen Bilder nahm man als Zeugnisse wahr, die anderen als Erfindungen, die einen als unumstößlich, die anderen als beliebig.

Mit dem Wechsel von analogen zu digitalen Bildtechniken gibt es diesen Unterschied nicht mehr. Denn sofern ein digitales Bild eine von Programmen erstellte, in Zahlen angelegte Datei ist, besteht keine direkte Referenz zum Fotografierten mehr. Wie exakt ein digitales Bild das Abgebildete auch wiedergeben mag, es handelt sich genauso um eine Übersetzung wie bei einem gemalten Bild, das ja seinerseits eine große mimetische Leistung darstellen kann, aber dennoch nicht als echt und authentisch gilt.

Die Debatte, ob die [Digitalisierung](https://www.zeit.de/thema/digitalisierung) nicht eher ein Rückschritt als ein Fortschritt war, weil sie das Wahrheitsversprechen der Fotografie unterminiert, begann bereits in den Neunzigerjahren. In _The Reconfigured Eye,_ heute Standardwerk zu dem Thema, bemerkte der Architekt und Medientheoretiker William John Mitchell 1992, die Digitalisierung führe zu einer "Entwirklichung der fotografischen Welt"; auch sonst betonte er den Verlustcharakter digitaler Fotografie gegenüber ihrem analogen Vorgänger. In der "postfotografischen Ära", schreibt Mitchell, sei Schluss mit dem historischen "Zwischenspiel" einer klaren Trennung zwischen Echtem und Fiktionalem.

Gab es damals erst ein Programm wie Photoshop, so sind seither unzählige andere Programme sowie Apps von Facetune bis RetouchMe entwickelt worden, mit denen sich jedes digitale Bild im Nu beliebig verändern lässt. Man kann es wie eine alte Aufnahme oder wie eine Grafik erscheinen lassen, kann Sujets hinzufügen oder in ihrer Position verändern, ernste Gesichter lächeln lassen oder um dreißig Jahre verjüngen. Doch erst der Boom generativer KI-Programme hat auch jener Debatte neuen Stoff gegeben. Denn Bildern, die mit Programmen wie Midjourney oder Stable Diffusion entstehen, liegt anders als Bildern digitaler Kameras nicht einmal mehr ein konkretes fotografiertes Motiv zugrunde. Vielmehr ergeben sie sich daraus, dass die KI-Programme mit riesigen Mengen an Daten, zum Beispiel Fotos von Social-Media-Accounts, trainiert werden. Auf Grundlage dieses Trainingsmaterials produziert das Programm dann in Reaktion auf einen Prompt – eine verbale Beschreibung des gewünschten KI-Bilds – nach statistisch berechneten Wahrscheinlichkeiten neue Variationen.

Misstrauen gegenüber Bildern wird zunehmend habituell
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Sosehr sich damit alte Träume von Bildmächtigkeit erfüllen und selbst diejenigen, die über kein entsprechendes Talent verfügen, auf einmal Bilder entwerfen (lassen) können, so sehr werden die generativen KI-Programme doch vielfach als Verlust und Gefahr angesehen. Man trauert dem Reliquiencharakter alter Fotos nach und findet KI-Bilder retortenmäßig steril. Zugleich hat man Angst vor Deepfakes, also vor superrealistischen Darstellungen von Ereignissen, die es so nie gegeben hat. Und da fotografische Ästhetiken nach wie vor sehr beliebt sind, obwohl KI-Programme genauso Bilder in beliebigen anderen und überraschenderen Erscheinungsweisen bieten könnten, scheint tatsächlich großes Interesse am Eindruck von Echtheit zu bestehen. Denn glaubwürdige Bilder versprechen mehr Resonanz.

Die Wirkung fotorealistischer Bilder ist aber sogar noch höher, wenn auf ihnen zugleich etwas übertrieben, also rundum Überfluss, Perfektion oder Schönheit geboten wird. Denn dann sieht es so aus, als seien bisher unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche endlich Realität geworden. Innerhalb kurzer Zeit haben sich in den sozialen Medien Communitys gebildet, in denen man sich an KI-generierten Bildern zu Themen wie Essen, Mode oder Wohnen ergötzt: opulent und hyperscharf. Bilder von Luxusvillen in wilder Natur, wahlweise gediegen oder klassisch modern, animieren dann etwa sämtliche Fantasien von Rückzug, Komfort und Autonomie. Draußen schneit es, drinnen hat man es gemütlich. Und nur wer genauer hinschaut, entdeckt kleine Unstimmigkeiten im Bildraum oder zwischen verschiedenen Ansichten desselben Motivs.

Während das bei so harmlos-vergnüglichen Sujets aber kaum jemand macht, kommt es bei anderen Themen durchaus vor, gerade bei Bildern mit politischen Inhalten. Misstrauen gegenüber Bildern, die echt aussehen, wird sogar zunehmend habituell. Und statt nur genauer zu untersuchen, ob ein Bild selbst seine Genese verrät, gewöhnen viele sich auch an, darauf zu achten, von wem es in Umlauf gebracht wurde – und welche Absichten damit verbunden sein könnten. Während man ein analoges Foto als weitgehend unabhängig von der Person ansah, die es gemacht hat, ihm ob seiner Echtheit also Allgemeingültigkeit attestierte, unterstellt man bei einem digitalen Foto und erst recht bei einem KI-generierten Bild, nicht anders als bei einem Gemälde oder einer Grafik, jeweils spezifische Intentionen.

Anders als in den Neunzigerjahren ist die damit verbundene Verlustdiagnose nun aber gut anschlussfähig an andere aktuelle Diskussionen. Da sind etwa die Debatten über postfaktische Politik oder Fake-News, ebenso wie darüber, ob universalistische Ideale heute nicht zugunsten einer Durchsetzung gruppenspezifischer Bedürfnisse preisgegeben werden. Tatsächlich könnte man im Rückblick zu der Diagnose gelangen, dass die analoge Fotografie höchst wichtig für die Überzeugung war, so etwas wie eine gemeinsame Welt – eine von allen geteilte Grundlage – existiere überhaupt. Vielleicht hätte sich eine universalistische Haltung sonst gar nicht durchgesetzt. Und vielleicht fällt die Krise oder das Ende des Universalismus nicht zufällig mit dem Verschwinden echter Bilder zusammen. So erodieren zunehmend die in der Aufklärung formulierten und in der Moderne weitgehend durchgesetzten Ziele, wonach der Wert einer Theorie allein von den Fakten und Argumenten abhängen sollte, mit denen sie begründet wurde, egal, von wem oder wo diese Theorie vertreten wurde. Wenn sie überzeugend war, brauchte sie so wenig die Autorität Einzelner, um als wahr zu gelten, wie die Wahrheit eines analogen Fotos davon abhing, wer es gemacht hatte.

Der Wahrheitsgehalt von Bildern interessiert nicht mehr
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Digitale Fotos und erst recht KI-Bilder sind hingegen jeweils den Interessen und Bedürfnissen derer angepasst, die sie verantworten. Sie sind ganz darauf angelegt, dass ihre Initiatoren sich und ihre Anliegen darin wiederfinden, ja sich damit identifizieren können. Manche haben auch schon damit begonnen, ihre Biografie mithilfe nachträglich generierter Bilder und Videos zu verschönern, die Dokumente aus der Kindheit und Jugendzeit simulieren. Völlig neu sind solche Manipulationen zwar nicht, fanden also etwa auch schon in der Auftragsmalerei statt, wenn Fürsten ihre Dynastie verklären wollten, oder bei Warenästhetik, die den Konsumenten schmeicheln soll. Nun aber kann erstmals grundsätzlich jeder seine eigenen Bilder veranlassen. Immer mehr immer stärker voneinander abweichende Wirklichkeiten sind die Folge davon.

Geht es nicht um Privates, sondern um Lifestyles, Weltanschauungen, eine politische Agenda, werden derart konfektionierte Bildwelten von denjenigen, die selbst anders gepolt sind, schnell als Angriff und Bedrohung empfunden. Das ohnehin schon vorhandene Misstrauen gegenüber digitalen Bildern schlägt dann schnell in Aggression um. Infolge davon verschanzt jeder sich umso mehr in der eigenen Welt, vollzieht damit aber eine endgültige Abkehr von universalistischen Zielen. Es geht nicht mehr darum, mit Bildern einen Wahrheitsanspruch zu verfolgen, ja zu zeigen, wie es wirklich ist, sondern es genügt, wenn sie in der jeweils eigenen Community Zuspruch finden. Man will mit ihnen Gleichgesinnte motivieren, ihnen das Gefühl geben, auf dem richtigen Weg zu sein und sich besser gegenüber Andersdenkenden abgrenzen zu können.

Beispiele dafür lieferte der jüngste US-Wahlkampf. Nachdem Hurrikan Helene Ende September in Florida, Georgia und anderen US-Bundesstaaten Verwüstungen angerichtet hatte, kursierte unter Trump-Anhängern der Vorwurf, die Biden/Harris-Regierung habe die Opfer weitgehend im Stich gelassen. Sie illustrierten dies häufig mit einem Bild, das ein weinendes, durchnässtes Mädchen in einem halb vollgelaufenen Boot zeigt, [einen pitschnassen kleinen Hund an sich geklammert](https://www.404media.co/hurricane-helene-and-the-fuck-it-era-of-ai-generated-slop/). Damit sollte die Wut auf das herzlose Establishment in Washington befeuert werden, doch war das Bild KI-generiert, also so wenig real wie die Basis der Anschuldigungen. Das interessierte diejenigen, die es posteten, aber überhaupt nicht. Eine Politikerin aus Georgia twitterte, ihr sei egal, von wem das Bild stamme, [es stehe "emblematisch für den Schmerz und das Trauma" der Betroffenen](https://x.com/AmyKremer/status/1841938191454240782.). So fungieren Bilder nicht als Beweise, sondern unterfüttern beliebige politische Meinungen und Narrative.

Das Zeitalter des Bilderbullshits
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Da ihr Wahrheitsgehalt überhaupt nicht mehr interessiert, lassen sich KI-Bilder mit den Ideen des Philosophen Harry G. Frankfurt verknüpfen. 1986 analysierte er in seinem später berühmt gewordenen Aufsatz _On Bullshit,_ was Gerede ohne Faktengrundlage, also Blabla, von einer Lüge unterscheidet. Während ein Lügner, so lautet seine These, die Existenz von Wahrheit grundsätzlich noch anerkenne und _ex negativo_ darauf bezogen bleibe, sei jemand, der Bullshit von sich gebe, "vom Streben nach Wahrheit abgeschnitten". Für Bullshit ist Wahrheit kein Orientierungspunkt mehr, dort herrscht Willkür, völlige Beliebigkeit.

Schriebe Frankfurt seinen Aufsatz heute, würde er sich vielleicht auch visuellen Bullshit vornehmen: all die KI-generierten Bilder und Videos, die die Welt so malen, wie es jeweils gerade passt. Und vielleicht würde Frankfurt dann auch eingestehen, dass er zu einseitig urteilte, als er Bullshit nur als eine defiziente Äußerungsform fasste – so einseitig wie diejenigen, die in der digitalen Fotografie und in KI-Bildern lediglich einen Verlust sehen. Denn damit lässt sich nicht erkennen, welche soziale Funktion der vermeintliche Rückschritt erfüllt, warum er also so beliebt und erfolgreich ist.

Diejenigen, die KI-Bilder posten, tun das, um sich mit all jenen emotional verbunden zu fühlen, die dasselbe Bilder-Blabla teilen. Was gibt es Intensiveres, als gemeinsam mit anderen Wut oder Schadenfreude zu erleben? Man kann dann umso mehr auftrumpfen. Und da die Bilder genau auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sind, kann man sich voll damit identifizieren. Dieses Passgefühl ist stärker und wohltuender als die komplexe, unhandliche Realität es je sein könnte. Zugleich schrecken die Bilder all jene ab, die nicht dieselbe Weltanschauung vertreten oder es generell obszön finden, auf die Wahrheit zu pfeifen. So forciert der Einsatz digitaler und KI-generierter Bildern letztlich Lagerbildungen und gesellschaftliche Spaltungen und liefert allen Beteiligten viel Munition für ihre jeweiligen Anliegen.

Bei KI-Bildern im politischen Diskurs fällt zudem auf, dass sie sich mittlerweile oft nicht einmal mehr streng an fotografischen Ästhetiken orientieren. Es mag zu aufwendig sein, Bilder in perfekter Fotoqualität zu generieren, wenn es nur darum geht, damit ein Meme zu produzieren, aber genauso signalisiert man auch damit, keinen Wert mehr auf die Wahrheit zu legen, ja gar nicht erst zu versuchen, Menschen jenseits der eigenen Community zu überzeugen.

So beruhigend es sein mag, dass Deepfakes keine so große politische Gefahr zu sein scheinen, wie man befürchten konnte, so sehr bekümmert doch der Zynismus, der in dieser demonstrativen Abkehr von jeglicher Idee von Wahrheit steckt. Statt die neuen digitalen Techniken für perfekte Lügen zu nutzen, schart man Gleichgesinnte also um ein gemeinsames Bilder-Blabla. Damit wird nicht länger eine allen Menschen gemeinsame Welt repräsentiert, sondern es geht nur darum, eine gewünschte Wirklichkeit noch suggestiver und noch emotionaler in Szene zu setzen.