[Patrick Deneen: Was macht Trump als Nächstes, Herr Deneen? | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-01/patrick-deneen-usa-donald-trump-konflikte-tech-industrie/komplettansicht) 

 _Patrick Deneen ist ein im Trump-Lager_ _einflussreicher Denker__. Der 60 Jahre alte Politikwissenschaftler lehrt und forscht an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Im Jahr 2018 erschien sein international viel beachtetes Buch "Warum der Liberalismus gescheitert ist", das selbst von Barack Obama gepriesen wurde. Bei den jüngsten US-Wahlen positionierte er sich zugunsten des künftigen Vizepräsidenten J. D. Vance._

**ZEIT ONLINE:** Herr Deneen, viele halten J. D. Vance bereits für Trumps Nachfolger. Sie selbst gelten als Vertrauter des künftigen Vizepräsidenten, manche sagen sogar, Sie seien sein intellektueller Einflüsterer. Was unterscheidet ihn von Trump?

**Patrick Deneen:** Es ist sicherlich übertrieben zu behaupten, ich sei irgendjemandes "Einflüsterer". Aber ich freue mich, dass der künftige Vizepräsident sich für meine Arbeit interessiert und dass wir in den letzten Jahren immer wieder Gelegenheit hatten, miteinander zu diskutieren. J. D. Vance teilt viele der Anliegen von [Donald Trump](https://www.zeit.de/thema/donald-trump), insbesondere seine nationalistischere Wirtschaftsagenda und eine weniger interventionistische Haltung der USA. Der Unterschied besteht darin, wie diese beiden Männer zu diesen Ansichten gelangten. Trump ist ein Geschäftsmann, ein Kapitalist, der sah, dass ein Teil des Marktes nicht bedient wurde, und der verstand, dass es eine unbesetzte politische Nische gab.

**ZEIT ONLINE:** Und Vance?

**Deneen:** Während Trumps politische Reaktionen weitgehend instinktiv und von den Erkenntnissen eines Geschäftsmanns getrieben waren, gelangte Vance zu denselben Überzeugungen auf einem viel intellektuelleren Weg. Vance ist der erste Trumpianer nach Trump, der durch Reflexion und nicht durch Instinkt zu diesen Ansichten kam.

**ZEIT ONLINE:** Vance kritisierte Trump früher einmal als "Amerikas Hitler", er nannte ihn "kulturelles Heroin". Ist er nicht ein Opportunist, der sich einfach irgendwann entschied, mit dem Strom zu schwimmen?

**Deneen:** Das ist eine völlige Fehlinterpretation. So viel ist wahr: Als er 2016 am Ende seiner Memoiren _Hillbilly-Elegie_ Lösungen für die Probleme der Appalachen und des Rust Belt anbot, waren seine Vorschläge noch ziemlich konventionell republikanisch. Die Antwort auf die wirtschaftliche Misere war immer: mehr freie Märkte! Vance war intelligent und unabhängig genug, um mit der alten republikanischen Orthodoxie, dem Glauben an den "freien Markt" zu brechen – was ihn nicht nur bei Progressiven, sondern auch bei Republikanern der Reagan-Ära oder den Never Trumpers unbeliebt macht. Trumps Gegner sollten Vance mehr fürchten als Trump.

**ZEIT ONLINE:** Wenn Vance wirklich ein Intellektueller ist, wie Sie sagen, wie kommt er dann bloß dazu, Richard Nixon mit den Worten zu zitieren: "Die Professoren sind der Feind"?

**Deneen:** Wenn man sich die Umfragen über die politischen Ansichten ansieht, die die Lehrkräfte an den meisten amerikanischen Universitäten haben, dann sind diese überwiegend progressiv und nicht nur links, sondern weit links. Der Grund für die Kritik an den Professoren liegt also in der Dominanz eines politischen Radikalismus. Diese Situation erfordert eine robuste und vehemente Reaktion.

**ZEIT ONLINE:** Ist das Ihr Ernst? Sie sind doch selbst Professor.

**Deneen:** Das bin ich, und es ist schmerzhaft, die Selbstdemontage der Universitäten zu beobachten. Und ich widerspreche entschieden den Rechten, die glauben, dass der Punkt erreicht ist, an dem das Universitätssystem abgebaut werden sollte. Ein solcher Versuch wäre ein unschätzbarer Verlust für die Welt. Aber ich fürchte, die Universitäten haben sich diese Situation selbst eingebrockt. Es braucht eine konservative Antwort, um die Universitäten sowohl vor sich selbst als auch vor einer möglicherweise katastrophalen Reaktion von rechts zu retten.

**ZEIT ONLINE:** Schon vor Donald Trumps Amtseinführung wirkt es so, als sei er bereits an der Macht. Was haben wir nach dem 20. Januar, dem Tag seiner Inauguration, wirklich zu erwarten?

**Deneen:** Wir erleben derzeit eine Neuordnung der amerikanischen Politik und damit auch der Weltpolitik. Konkret geht es dabei um die Ablehnung der von den [USA](https://www.zeit.de/thema/usa) angeführten liberalen internationalistischen Agenda der Nachkriegszeit. Dieses Projekt war von der Überzeugung getragen, dass der Liberalismus aus dem Hexenkessel der Geschichte als die einzig gangbare politische Ordnung hervorgegangen sei. Diese Position ist nun Vergangenheit.

**ZEIT ONLINE:** Bisher hat sich der Liberalismus immer wieder als recht widerstandsfähig erwiesen. Was macht sie da so sicher?

**Deneen:** Dieses Scheitern ist sowohl durch die militärischen Niederlagen gekennzeichnet, die die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten seit 1989 erlitten haben (denken Sie nur an die Einsätze im Irak und in Afghanistan), als auch durch die ökonomischen Verwerfungen, die viele Menschen infolge der neoliberalen Wirtschafts- und Einwanderungspolitik erlebt haben.

**ZEIT ONLINE:** Was bedeutet das für die USA?

**Deneen:** Viele Amerikaner sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass sie ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Sicherheit und sozialer Absicherung erwarten können, wenn sie hart arbeiten, sich an die Regeln halten, einen Job bekommen, pünktlich erscheinen und ihre Pflicht tun. Die jüngste Wahl hat klar gezeigt, dass die identitätsbasierte Politik der Demokraten keine wirkliche Zukunft hat, und dass die Arbeiterklasse stattdessen immer mehr die Grand Old Party unterstützt. 

**ZEIT ONLINE:** Zum Bild der neuen Trump-Regierung gehört [Elon Musk](https://www.zeit.de/thema/elon-musk), der sich vom Tech-Unternehmer in eine Art Oligarch verwandelt hat, der über seine Plattform X enormen politischen Einfluss ausübt. Welche Rolle wird er spielen?

**Deneen:** Musk ist ein Geschäftsmann. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er viel Zeit und Energie auf den angekündigten Bürokratieabbau verwenden wird. Aber er ist der sichtbarste Vertreter eines echten Wandels in der Tech-Industrie, die über weite Teile ihrer Geschichte wenig Interesse daran hatte, sich direkt politisch zu engagieren. Denken Sie zum Beispiel an Steve Jobs oder Bill Gates. Das Ethos der Tech-Welt war libertär, mit der Vorliebe, Politik und Geschäft nicht zu vermischen.

"Trump sieht die Welt durch die Linse von Investitionsmöglichkeiten"
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**ZEIT ONLINE:** Nun versucht Musk sogar, in Debatten anderer Länder einzugreifen. Woher kommt der Wandel bei Musk und Co.?

**Deneen:** Der Schlüssel liegt darin, sich daran zu erinnern, dass die Vertreter der Tech-Industrie eigentlich Menschen sind, die mit einer progressiven Agenda sympathisieren. Sie sind libertär, was sie zu unbequemen Verbündeten für Konservative macht. Figuren wie Musk oder PayPal-Gründer Peter Thiel haben sich gezwungen gesehen, sich politisch zu engagieren, weil sie gegen das protestieren, was sie als "woke Agenda" betrachten. Daher haben ihre libertären Instinkte sie dazu gebracht, sich mit der Rechten zu verbinden – nicht, weil sie konservativ sind, sondern weil sie die woke Politik besiegen wollen. So investierte Peter Thiel etwa 10 Millionen Dollar in J. D. Vances anfängliche Senatskampagne. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Investition eines für Thiel relativ kleinen Betrags in jemanden, der wahrscheinlich der nächste Präsidentschaftskandidat sein wird, eine ziemlich gute Rendite abwirft.

**ZEIT ONLINE:** Es gibt derzeit zwei Hauptströmungen in der amerikanischen Neuen Rechten: Da ist der libertäre, disruptive Technokapitalismus von Vertretern aus dem Silicon Valley wie Musk und Thiel. Aber es gibt auch einen starken Einfluss des Postliberalismus bei J. D. Vance, der die Ideologie des freien Marktes scharf kritisiert – ja sogar komplett ablehnt. Zerstreitet sich Amerikas Rechte?

**Deneen:** In der Politik geht es immer um Koalitionen. In Deutschland zum Beispiel wird die Koalition nach der Wahl gebildet. Die unterschiedlichen Positionen werden vorher artikuliert und dann bei der Regierungsbildung berücksichtigt. Aber in der amerikanischen Politik wird die Koalition vor der Wahl geschmiedet. Deshalb sind die Widersprüche in die Parteien selbst eingebaut.

**ZEIT ONLINE:** Die Konflikte sind bereits zu erkennen. Ist es nicht wahrscheinlich, dass sie irgendwann ganz ausbrechen?

**Deneen:** Diese Art von Inkohärenz erfordert ein gewisses Maß an strategischer Zurückhaltung. Die amerikanische Politik wird davon getrieben, was wir als unseren gemeinsamen Feind betrachten.

**ZEIT ONLINE:** Es gibt doch schon jetzt einen heftigen Streit zwischen dem Musk-Flügel und den Ultranationalisten. Musk fordert eine stärkere Einwanderung von IT-Fachkräften.

**Deneen:** Wir können tatsächlich erwarten, dass es im Laufe der Regierungsarbeit zu weiteren Spannungen zwischen den nationalistischeren Kräften und den Vertretern der Tech-Branche kommen wird. Das zeigte sich bereits kürzlich in einer Online-Kontroverse, bei der Vivek Ramaswamy _(der Unternehmer soll gemeinsam mit Musk eine Effizienzkommission der Trump-Regierung führen, d. Red.)_ die Ausweitung der Arbeitsvisa für ausländische Ingenieure und Techniker unterstützte. Die Reaktion aus der MAGA-Welt war schnell und unerbittlich: Grenzen sind wichtig, die Wirtschaft existiert, um die Nation zu unterstützen, und amerikanischen Arbeitern sollte Vorrang eingeräumt werden, selbst auf Kosten der angeblichen wirtschaftlichen Vorteile eines durchlässigen freien Arbeitsmarktes.

**ZEIT ONLINE:** Könnte Musk die Auseinandersetzung am Ende sogar verlieren?

**Deneen:** Trump hat deutlich gemacht, dass er die amerikanische Produktion stärken will, einschließlich der Einführung von Zöllen und Bemühungen, amerikanische Unternehmen für die Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland zu bestrafen. Seine Position steht im Widerspruch zu den wirtschaftlichen Interessen der Tech-Branche. In diesem Fall glaube ich also, dass der Libertarismus eines Elon Musk nicht stark genug sein wird, um Trump von seiner nationalistischeren Wirtschaftspolitik abzubringen.

**ZEIT ONLINE:** Haushaltsexperten in den USA zweifeln auch an der Umsetzbarkeit von Musks Sparzielen.

**Deneen:** Musk und Vivek Ramaswamy haben angekündigt, dass sie den Bundeshaushalt effizienter gestalten wollen. Ich glaube aber, dass sie Mühe haben werden, da die Hauptausgaben heilige Kühe sind – Sozialversicherung, Medicare und Medicaid, Landesverteidigung und die Tilgung der Staatsschulden. Gleichzeitig werden die libertäreren Kräfte ihre Chance haben, wenn es darum geht, Regulierungen abzubauen und niedrigere Steuersätze anzustreben. Ein Hauptthema des Musk-Flügels der Partei ist die Art und Weise, wie der linke Progressivismus die Meritokratie untergraben hat, also das Ideal, dass einfach die beste Person einen Job an der Spitze bekommt.

**ZEIT ONLINE:** Trump scheint außenpolitisch unberechenbar. Jetzt heißt es, er wolle sich Grönland, Panama und Kanada einverleiben. Was kommt als Nächstes?

**Deneen:** Ich halte es nicht im Entferntesten für plausibel, dass irgendjemand erwägt, mit militärischer Gewalt neue Landmassen zu erobern. Aber ich halte es für wahrscheinlich, dass eine Trump-Regierung diese Möglichkeit durch finanzielle Anreize verfolgen könnte. Trump ist Immobilienunternehmer und sieht die Welt, mehr als jeder andere Politiker, durch die Linse von Investitionsmöglichkeiten. Auf einer anderen Ebene, jenseits von Trump, entspringt die Idee einer Expansion aber auch einem tiefen Teil der amerikanischen Psyche: Auch in Musks Ambitionen zur Kolonisierung des Mars spiegelt sich heute die Suche nach neuen Grenzen wider.

**ZEIT ONLINE:** Auch über ein Treffen mit Putin wird derzeit heftig spekuliert. Wird Trump sein Versprechen halten können und den Ukraine-Krieg so schnell wie möglich beenden?

**Deneen:** Die Haltung der US-Politik gegenüber der Ukraine wird zunehmend von einem Realismus bestimmt werden. Die neue amerikanische Regierung wird auf einer Verhandlungslösung bestehen. Das Instrument, um die Parteien zusammenzubringen, wird die fortlaufende US-Finanzhilfe sein, nicht nur in Form von Militärhilfe, sondern auch in Form von Wiederaufbaugeldern.

**ZEIT ONLINE:** Lassen die USA Europa gegenüber Russland damit nicht im Stich?

**Deneen:** Europa muss in den kommenden Jahren viel unabhängiger werden. Für viele in Europa, insbesondere in Deutschland, ist das eine beängstigende Aussicht. Aber langfristig ist es zum Vorteil Europas und Deutschlands. Die amerikanischen Interessen werden sich nach China und in den Pazifik verlagern. Die Nato wird bleiben, aber ihre Rolle wird kleiner werden, oder sie wird in erheblichem Maße von Europa übernommen werden müssen. Ihr Kontinent ist der Ort, an den die Menschen gehen, um schöne alte Gebäude zu besichtigen. Europa ist heute das Museum der Welt.