[Neue US-Karten: Mehr Macht durch Entgrenzung | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-01/us-karten-donald-trump-aussenpolitik-maga-bewegung/komplettansicht) 

 Manchmal braucht es nicht viele Worte, um die Welt aus den Angeln zu heben, eine Karte reicht. So wie vor wenigen Tagen. Da postete der designierte US-Präsident [Donald Trump](https://www.zeit.de/thema/donald-trump) auf seiner Plattform Truth Social eine Karte Nordamerikas, getaucht in Stars and Stripes, und kommentierte das Ganze mit einem machtpolitischen Ausrufezeichen: "[Oh Canada!](https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/113789874318969723)". 

Ähnliche Karten werden seit Wochen aus dem Trump-Umfeld gestreut, wobei nie ganz klar ist, wo genau auf diesen Karten die Grenzen dieses Großamerikas liegen sollen, das da herbeiimaginiert wird. Der republikanische Politiker Mike Collins etwa verbreitete unter der Überschrift "[Project 2029](https://x.com/RepMikeCollins/status/1854564733266936059)" Anfang November eine Karte der Vereinigten Staaten ohne Kanada, aber mit [Grönland](https://www.zeit.de/thema/groenland) als US-Bundesstaat in Republikanischrot. Und für [End Wokeness](https://x.com/EndWokeness/status/1870634358169555455), einen Trump-Fanaccount auf X mit 3,4 Millionen Followern, gehören sowohl Kanada als auch Grönland, Mexiko, Island, die Philippinen, der Panamakanal, Kuba, Teile Mexikos und kurioserweise Bremen und Bremerhaven zu den künftigen Superstaaten von Amerika. Doch der Golf von Mexiko heißt noch so wie immer, dabei wollte die MAGA-Bewegung den eigentlich baldmöglichst in Golf von Amerika umbenennen.  

Die weltpolitische Wirkung der Kartenflut ist enorm: Illustrieren sie einen neuen amerikanischen Imperialismus?, fragt man sich seitdem ungläubig-besorgt nicht nur in Kanada und Dänemark, zu dem Grönland als autonomes Territorium gehört. Und wenn ja, welche wie auch immer geartete Gesetzmäßigkeit liegt dem Neoimperialismus zugrunde? Trump selbst trug zuletzt durch kryptische Kurzkommentare auf X und Truth Social sowie bei einer Pressekonferenz zusätzlich zur Verunsicherung bei. Mal will er die Eingemeindung in die [USA](https://www.zeit.de/thema/usa) wirtschaftlich erzwingen (Kanada), mal schließt er militärische Gewalt nicht aus (Grönland und Panama). Und die Welt fragt sich: "Really, Mister President-elect?"  

Die Verunsicherung ist eingepreist, ja bezweckt. So läuft das, wenn mit Karten Politik gemacht wird. "Karten sagen mehr als tausend Worte", schreibt der Osteuropahistoriker Karl Schlögel in einem Buch über "Zivilisationsgeschichte und Geopolitik" aus dem Jahr 2006. "Aber sie verschweigen auch mehr, als man in tausend Worten sagen kann." Immer wenn eine Welt zu Ende gehe und eine neue initialisiert werde, sei Kartenzeit. "Kartenzeiten stehen für den Übergang von einer Raumordnung zu einer anderen."  

Damit meint Schlögel vor allem politische Karten: Karten, die Staaten, Staatenbünde, bereits bestehende oder ersehnte bis befürchtete Einflusssphären zeigen, nicht so sehr Karten, die allein die geografischen Gegebenheiten wiederzugeben versuchen. Wobei Letztere ebenfalls Spiegel der politischen Verhältnisse sind, enthalten doch auch sie in der Regel Grenzen und Städtenamen, sodass sie sich mit etwas Hintergrundwissen wie ein großes, buntes Geschichtsbuch lesen lassen; das weiß jeder, der in einem alten Diercke-Weltatlas schon mal über den Namen Karl-Marx-Stadt gestolpert ist, wo heute [Europas Kulturhauptstadt Chemnitz](https://www.zeit.de/2024/29/bahn-chemnitz-zugverkehr-zuege-ice-bahnhof) liegt. 

Wie Karten Geschichte machten
-----------------------------

Geopolitisch interessanter als diese sind jedoch, schreibt Schlögel, die Karten, die nicht nur die geografischen und historischen Bedingungen abbilden, sondern selbst Ausdruck eines politischen Willens oder einer Utopie sind. So wie die Cantino-Planisphäre von 1502. Diese zeigt nicht nur die damals bekannte Welt nach der (Wieder-)Entdeckung Amerikas, sondern enthält auch die Demarkationslinie, die Spanien und Portugal im Vertrag von Tordesillas (1494) festgelegt hatten. Damals teilten diese beiden kleinen und recht unbedeutenden Seemächte die Welt, von der sie bis dahin nur eine vage Vorstellung hatten, in zwei Hälften und Besitzansprüche auf. Die Cantino-Planisphäre ist Ausdruck eines imperialen Strebens im Werden. Zum Zeitpunkt der Entstehung muss das mitkartierte Überlegenheitsgefühl wie Irrsinn auf die Zeitgenossen gewirkt haben. Doch der Irrsinn wurde schon bald zur traurigen kolonialen Realität, die bis heute nachwirkt.  

![](https://img.zeit.de/kultur/2025-01/cantino-planisphaere-weltkarte-alberto/wide)

Die Cantino-Planisphäre von 1502 dokumentiert, wie Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilten. © Fine Art Images/​Heritage Images/​Getty Images

Ein anderes Beispiel: die [Jefferson-Hartley-Map](https://quod.lib.umich.edu/w/wcl1ic/x-813/wcl000907) von 1783. Sie zeigt, wie sich die 13 Gründungsstaaten der USA nach der Unabhängigkeit von Großbritannien in Richtung Westen zu verbreitern gedachten. "Die mit dem Lineal gezogenen Linien", schreibt Schlögel, "die parallel zu den Breiten- und Längengerade verlaufen, sind die Grenzen. Sie nehmen keine Rücksicht auf ein natürliches Relief, auf Flüsse oder Bergzüge. Es ist das Urbild des gemachten, des künstlichen Raums." Kurz: Es ist der totale Wahnsinn. Und doch sieht die politische Landkarte der Vereinigten Staaten heute genauso aus.  

Virtuelle Realitäten werden real
--------------------------------

Eben das macht politische Karten wie diese mächtig und gefährlich: Sie können eine virtuelle Realität erschaffen, die die Wirklichkeit nach ihrem Willen umformt. Als kartierte Utopie sind sie jedoch weniger Ausdruck der Machtgelüste eines Einzelnen als einer Epoche, einer Gesellschaft oder auch nur des mächtig gewordenen Teils einer Gesellschaft. Deshalb unterscheiden sich die Karten aus dem Trump-Umfeld auch in den Details, nicht jedoch in der Stoßrichtung. Jede für sich interpretiert das republikanische _Make-America-Great-Again_\-Credo weniger ökonomisch als geografisch, das ist erschreckend neu.  

Wobei sich vielleicht nicht einmal Donald Trump selbst so genau vorstellen mag, was außer Geld und Gewalt ein Großamerika zusammenhalten soll, das nicht nur aus Grönland und Kanada, sondern auch aus Bremen und Bremerhaven besteht. Doch darum geht es konkret (noch) nicht: Es geht um das in der Kartenlegende mittransportierte Gefühl, um das Selbstbewusstsein, Teil einer Bewegung, einer sich in die Ewigkeit und die Weite des Raums fortsetzenden Expansion zu sein. Utopische Karten wirken immer zuerst nach innen, wo sie Gemeinschaft stiften und Gefolgschaft beanspruchen, bevor sie irgendwann oder auch nie nach außen Macht entfalten. 

Putins reaktionäre Kartenverliebtheit
-------------------------------------

Das unterscheidet die Karten der MAGA-Bewegung von den Karten, die der russische Präsident Putin gerne benutzt, um seinen Angriffskrieg in der Ukraine zu legitimieren: So beugte sich [Putin im Mai 2023](https://www.nzz.ch/international/putin-und-die-ukraine-fehlschluesse-aus-einer-historischen-karte-ld.1739367) medienwirksam mit dem Verfassungsgerichtspräsidenten Waleri Sorkin über eine französische Karte aus dem 17. Jahrhundert und ließ sich erklären, warum es zwar ein "historisches Russland", jedoch nie eine historische Ukraine gegeben habe. Putin will wiederherstellen, was in seinen Augen, und nur dort, stets Russland war. Das ist nicht utopisch, sondern geschichtsvernebelt und reaktionär.   

Ganz anders MAGA: Die Karten, die von Donald Trump und seinen Unterstützern verbreitet werden, wollen Amerika dorthin bringen, wo Amerika nie war. In ihrer Beliebigkeit sind sie grenzenlos. Die ganze Welt soll gefälligst amerikanisch werden – das ist der Anspruch. Wie ernst er zu nehmen ist, wird die Zukunft zeigen. Doch die Existenz dieses Anspruchs ist schon für sich genommen eine Gefahr, auch für Trump, der die Karten munter weiterverbreitet.  

### An dieser Stelle ist ein externer Inhalt eingebunden

Zum Anschauen benötigen wir Ihre Zustimmung

Utopische Karten neigen nämlich dazu, sich von den Umständen ihrer Entstehung zu emanzipieren. Dann erschaffen sie nicht nur ihre eigene Realität, sondern auch ihre eigene Gefolgschaft. Wer erinnert sich etwa heute noch an Johann II. von Portugal, der den Vertrag von Tordesillas unterzeichnete? Der Name wirkt wie eine historische Randnotiz zu dem weltgeschichtlichen Strich auf der Cantino-Planisphäre, wie ein Name unter vielen auf einer langen, dunklen Konquistadoren-Liste, nicht unbedeutend, aber doch historisch überschattet von den willigen Vollstreckern, von Hernán Cortés etwa oder Francisco Pizarro. Wie Johann II. könnte es auch Trump ergehen, sollte sein Weltbild Wirklichkeit werden.  

Der Konjunktiv ist hier entscheidend. Denn natürlich kann es noch ganz anders kommen. Wer weiß schon, was Trump wirklich will oder ob in einer sich allmächtig fühlenden MAGA-Bewegung auch morgen noch der Hund mit dem Schwanz wedelt oder ob es umgekehrt sein wird. Von [Elon Musk](https://www.zeit.de/thema/elon-musk) ganz zu schweigen. Der Megamilliardär will bekanntlich den amerikanischen Einflussraum Richtung Mars erweitern, nicht nur kartografisch ist das eine Herausforderung. Donald Trump soll dabei behilflich sein. Wer ist hier Hund und wer ist Schwanz? Und wie könnte eine Welt aussehen, in der ein Elon Musk nicht nur Raketen in den Himmel schießt, sondern tatsächlich nach den Sternen greift?  

Wie Elon Musks Opa sich die Welt vorstellte
-------------------------------------------

Auch diese Utopie hat ihre Karte. Sie stammt aus den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts und zeigt die [North American Technate](https://bostonraremaps.com/inventory/technocracy-inc-technate-of-america-1940/), ein imaginäres politisches Gebilde, das, den MAGA-Karten nicht unähnlich, Kanada, die USA, Mexiko, Grönland, ganz Mittelamerika und Teile Südamerikas zu einem Raum vereint. Entwickelt wurde die Karte von Technocracy Incorporated, in Deutschland besser bekannt als technokratische Bewegung Das war eine sozialrevolutionäre Gruppe der Zwischenkriegszeit, deren Ziel es war, die politischen Eliten durch eine Kaste aus Unternehmern, Technokraten und Experten zu ersetzen. So sollte der vermeintliche Zusammenbruch der Zivilisation verhindert werden. 

Einer der wichtigsten Vordenker der Bewegung war [Joshua N. Haldeman](https://www.theatlantic.com/technology/archive/2023/09/joshua-haldeman-elon-musk-grandfather-apartheid-antisemitism/675396/), der Großvater Elon Musks. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte Haldeman mit Nazi-Deutschland. In den Fünfzigerjahren emigrierte Haldeman nach Südafrika, weil ihm das dortige Apartheidregime gefiel. Musk selbst fühlt sich der technokratischen Bewegung verbunden, wie die US-Historikerin Jill Lepore im _[New Yorker](https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/elon-musks-x-factor)_ analysiert. Darauf deute etwa Musks Vorliebe für den unter Technokraten beliebten Buchstaben X hin, schreibt Lepore, oder für Zahlen-Symbol-Kombinationen anstelle von Namen. So nannte Musk einen seiner Söhne X Æ A-12. Ähnliche Fantasiebezeichnungen gaben sich intern auch die Mitglieder von Technocracy Incorporated, einschließlich Elon Musks Opa. Das alles wirkt so lange exzentrisch, bis es beginnt, real zu werden. Ebendeshalb schaut man auf die Karte der North American Technate heute mit anderen Augen, nicht mehr amüsiert wegen der utopischen Überspanntheit, sondern beunruhigt, wie sehr diese Karte bereits heute dem Bild gleicht, das sich der mächtigste Mann der Welt von der Welt macht. 

Und in dieser Welt ist nichts heilig, schon gar nicht die Grenze. Das ist das Verstörende. Schließlich beruht die postkoloniale Nachkriegsordnung auf dem Gedanken, dass Grenzen nicht nur Linien sind, die nach Gusto verschoben werden können. Grenzen markieren kulturelle Räume und Identitäten. Diese muss man schützen, wenn man verhindern will, dass alles in Despotie versinkt. Entweder versteht Trump das nicht oder er versteht es und will eben drum die Entgrenzung. Das wäre das Worst-Case-Szenario.