[Markus Söder: Und er spielt eben doch auf Kanzler | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/politik/2025-01/markus-soeder-csu-bundeskanzler-unionsfraktion/komplettansicht) 

 Der weiteste Weg ist immer der durch die eigenen Irrtümer hindurch. In meinem Fall fing es damit an, dass ich Donald Trumps Wahlkampagne lange Zeit unzureichend interpretiert – und deswegen Markus Söders neue Strategie zu lange nicht verstanden habe.

Trump hat auf seinen Veranstaltungen oft nicht nur gelogen und beleidigt, er hat auch wirr geredet. Mitunter war schlicht nicht zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte. Er wirkte auf viele (liberale) Beobachter ausgelaugt und unkonzentriert, prollig und konzeptlos. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war eine Veranstaltung, bei der Trump gar nicht mehr gesprochen hat, sondern sich auf der Bühne lediglich eine Stunde lang zu von ihm ausgewählter Kitsch-Musik gewiegt hat.

Das intellektuelle, ästhetische und moralische Urteil über das, was man da sah, lag so sehr auf der Hand, dass vielen (auch mir) die eigentliche, die alles überragende und letztlich auch erfolgreiche Botschaft von Trumps Kampagne lange verborgen blieb. Und die lautete: Hier steht ein freier Mann. Er musste darum gar nichts mehr sagen, weil alles schon gesagt war, der Rest erging sich in Gesang und Gefühl, während sich Kamala Harris von ihren Beratern zur gleichen Zeit in ein immer engeres zielgruppenorientiertes Korsett zwängen ließ.

Trump mag besessen sein von Kränkungen und Rachsucht, gewiss, gewiss, aber eben: von niemandem sonst. Er hat keine Angst, weder vor dem Urteil der urteilenden Klasse, noch vor Attentätern, noch vor seinen Freunden, noch – und das ist der vielleicht größte Beweis seiner Unabhängigkeit – vor seinem eigenen Teleprompter. Regelmäßig ist er über das hinweggegangen, was seine Berater und Redenschreiber ihm auf- oder eben vorgeschrieben hatten und verließ sich ganz auf seine Intuition und auf die Stimmung im Saal. Nicht zuletzt vertraute er auch auf seine durch eigene Kränkungen tief geschulten Kenntnisse dessen, was "die anderen" über ihn denken. Er ist ein Spezialist für das, was die liberalen Eliten am meisten aufregt und zu ebenjenen intellektuellen, ästhetischen und moralischen Urteilen verleitet. Diese Urteile – so zutreffend sie auch sein mögen – verstellen ihnen den Blick auf das, was eigentlich geschieht und lässt sie so im Rennen um die Präsidentschaftswahl und die Hegemonie ständig zu spät kommen. Die Urteile der anderen, von unsereinem, nimmt Trump eben nicht einfach nur in Kauf, er zielt auf sie und macht sie zum Teil seiner Kampagne.  

  
Doch obwohl mir das irgendwann dämmerte, habe ich wiederum missinterpretiert, was in den vergangenen Monaten mit [Markus Söder](https://www.zeit.de/thema/markus-soeder) passiert ist oder besser: was er da gemacht hat. Als er sich den Bart wachsen ließ, Food-Blogger wurde, bebildert mit teils sehr unappetitlichen Fotos, [als er mit ABBA-Hologrammen](https://www.zeit.de/news/2024-02/22/dancing-soeder-in-stockholm) tanzte, als er [riesige Schokoeier mit seinem Konterfei verloste](https://www.zeit.de/news/2024-03/31/bizarres-video-soeder-zeigt-schoko-ei-mit-seinem-gesicht), als er hässliche Weihnachtspullover trug, als er in grotesker Selbstkarikatur in Warschau niederkniete, da dachte ich allzu lange: Er kann die Kanzlerkandidatur nicht mehr bekommen, jetzt lässt er sich gehen, jetzt macht er sich als Spitzenpolitiker endgültig unmöglich, zumindest außerhalb Bayerns.

Dieses analytische, ästhetische und moralische Urteil versperrte die andere Denkmöglichkeit: All dieses neue geschmacklose, augenschmerzende Zeug macht Markus Söder nicht als Spitzenpolitiker unmöglich, sondern – ganz im Gegenteil – als Kanzler doch noch möglich.  

Als Zeichen seiner Lässigkeit
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Söder hat sich mit seiner Social-Media-Persona eine Plattform geschaffen, mit der er sich vom Urteil des konventionellen, auch des christdemokratischen Politikbetriebs ebenso unabhängig macht wie von den herkömmlichen Medien. Er zeigt da vor allem eines: Ihr könnt mich mal! Söder, der wahrscheinlich von Ehrgeiz besessen ist, inszeniert sich hier so wie auch Trump als unabhängig, als souverän. Auch bei ihm sitzt die Kränkung ja tief, denn er weiß wohl, wie etwa in der Führung der CDU über ihn gedacht wird, für wie moralisch verworfen man ihn dort hält. Und wie die Urteile der etablierten Medien über seinen Social-Media-Zauber ausfallen.

Er hat es aber trotzdem oder eben deswegen geschafft: Gut 500.000 Follower auf X beispielsweise, 150.000 mehr als der Kanzlerkandidat der Union. Auf Instagram sind es noch mehr. Und Söder spielt das Spiel mittlerweile auch ziemlich gut. Sein selbst gesungenes Weihnachtslied etwa war professionell gemacht und ging viral. Dass er seit einiger Zeit gern schwarze Rollkragenpullover trägt, enthält eine doppelte Botschaft: Gegenüber den linken und liberalen Eliten handelt es sich um einen Akt kultureller Aneignung, gegenüber Friedrich Merz um ein Zeichen von einer Lässigkeit, von der der Anzugmann nicht mal zu träumen wagt. Aber das sind nur Details, die Hauptbotschaft lautet genau wie bei Trump: Ich bin der einzig freie Mann in der Arena.  

Freier Mann
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Angesichts der tief sitzenden Ängste vor den Krisen dieser Zeit ist das die denkbar stärkste Botschaft – ob in Deutschland oder den USA. Der bajuwarisch gemäßigte Trumpismus, den Markus Söder da etabliert, bringt ihn in eine günstige Startposition für eine politische Eventualität, die er selbst mit aller Kraft und Perfidie mit herbeizuführen sucht: nämlich eine sehr kurze Kanzlerschaft von Friedrich Merz.

Zurzeit spricht ebenso viel dafür, dass Friedrich Merz Kanzler wird, wie dafür, dass er es nicht lange bleibt: Merz ist für deutsche Verhältnisse mit 69 Jahren relativ alt, er ist regierungsunerfahren in einer operativ hochkomplexen Lage, er verschafft sich ebenso wenig wie Scholz oder Habeck mit seinem mutlosen Programm eine auch nur annähernde Legitimation, um die realen Probleme dieses Landes zu lösen, weder bei der Wirtschaft noch bei der Sicherheit, dem Klima oder der Migration. Und dann zwingt Söder den armen Sauerländer Merz mit seinem – an diesem Montag schon wieder ausgesprochenen – Veto gegen die Grünen als Koalitionspartner auch noch in eine Koalition mit der Weiter-So-SPD, die Merz ihre Bedingungen aufdrücken kann, eben weil Söder die Grünen von vornherein ausschließt. So schließt sich der Kreis, und er schließt sich eng um den Hals von Merz.  

Keine Urteile, keine Tabus
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Der eigentlich springende Punkt ist jedoch ein anderer. Was Söder nun verkörpert, ohne es direkt aussprechen zu müssen, ist die Botschaft: Selbst wenn ich euch auch nicht mehr Wachstum und weniger Migration, pünktlichere Bahnen oder eine schlagkräftige Bundeswehr bringen kann als Merz oder sonst wer, so biete ich euch zumindest markigere Sprüche, mehr Pöbelei gegen die Grünen und die Linken, weniger Skrupel, mehr Spaß und einen süßen Triumph des schlechten Geschmacks, und ich liefere euch dieses wunderbare Rollenmodell einer neuen ruchlosen Freiheit, die sich um keine Urteile mehr schert und um keine Tabus. Dass diese "Freiheit" den die Gesellschaft verrückt machenden Widerspruch zwischen der materiellen Realität und einem immer mehr kulturkämpferischen, falschmelderischen, rechtswoken Diskurs weiter verschärft, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Aber so verbindet sich Söder als einziger leidlich seriöser Politiker der, na ja, Mitte, mit den hegemonialen Energien des Trumpismus. In dieser Grundaufstellung muss er gar nicht mehr viel dafür tun, dass die Lage der Union so schwierig wird, dass nur noch er als Retter infrage kommt. Warten, posten, Räume eng machen, das reicht vielleicht schon.

Selbstverständlich bereiten sich auch andere Kräfte in der Union schon auf die Zeit nach Friedrich Merz vor. Auf der einen Seite sind das die Liberalen, die verbliebenen Merkel-Leute und auch die auf altehrwürdige Weise Konservativen, wenngleich die alle noch kein wirkliches Zentrum haben. Auf der anderen Seite ist das ein fleißig [netzwerkender Jens Spahn mit seinen engen Verbindungen in das Trump/Musk/Thiel-Lager](https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-07/jens-spahn-atomausstieg-ampel-donald-trump-republikaner-cdu). Auch in seinem Interesse liegt es, den hegemonialen Schwung dieser Leute nach Deutschland zu leiten. Damit ist Spahn der zurzeit vielleicht größte innerparteiliche Konkurrent von Markus Söder – nicht programmatisch, sondern machtpolitisch.

Das sind bislang alles nur Denkmöglichkeiten. Wer jedoch diese deutschen Varianten der Trumpisierung verhindern möchte, der sollte sich nicht weiter von den eigenen Urteilen den Blick auf die Prozesse verstellen lassen _(note to self)._ Die Zeiten, in denen derlei Urteile allein noch hinreichten, um eine gegnerische politische Position zu schwächen, sind ohnehin vorbei. Man muss genauer angucken, was man politisch ablehnt.