[Stephen Miller: Der Schattenpräsident | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-01/stephen-miller-donald-trump-us-regierung-beratung-strategie/komplettansicht) 

 Stephen Miller wusste früh, was er politisch will. Bereits als Teenager in Los Angeles fing er an, bei der Liveshow des erzkonservativen Radiomoderators Larry Elder anzurufen, um sich dort über seine Schule zu beschweren, der es in seinen Augen an Patriotismus mangelte. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, Miller war damals sechzehn Jahre alt, klagte er in Elders Sendung, dass an der Santa Monica High School kein täglicher Treueschwur geleistet werde. Ein Lehrer, so behauptete Miller on air, sei sogar auf der amerikanischen Flagge herumgetrampelt.

Seine Mitschüler wunderten sich. Als sie Miller damit konfrontierten, dass der Lehrer nichts dergleichen getan habe, antwortete er, dass man die Wahrheit ruhig ein bisschen verdrehen könne, wenn man damit die Gefühle der Leute da draußen bediene. Wichtiger als Faktengenauigkeit sei es, eine Stimmung zu schaffen, meinte Miller.

Radiomoderator Elder, dessen Sendung von agitierten Zuhörern lebte, war beeindruckt, wie wortgewandt und leidenschaftlich der Jugendliche auftrat. Ruf an, wenn immer du was auf der Seele hast, sagte er zu ihm. Und das tat Miller – im Laufe der Jahre ganze 69 Mal. Miller wusste also nicht nur früh, was er wollte, sondern auch, wie man sich öffentlich in Szene setzt. So erzählt es Jean Guerrero in ihrem 2020 erschienenen Buch _Hatemonger_, was sich mit "Hassprediger" übersetzen ließe. Die Investigativjournalistin zeichnet darin Millers Weg vom reaktionär stänkernden Teenager zum glühenden Nationalisten und vielleicht einflussreichsten Politberater der Welt nach.

Verfolgte man in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen in den USA, könnte man meinen, dass es neben Donald Trump im MAGA-Universum nur noch [Elon Musk](https://www.zeit.de/thema/elon-musk) gibt. Der rechtsradikalisierte Multiunternehmer hat sich dank seines aberwitzigen Reichtums und entsprechender Spendensummen innerhalb kurzer Zeit in die unmittelbare Nähe des künftigen Präsidenten gehievt. Auf der [aktuellen Titelseite des _New Yorker_\-Magazins](https://www.newyorker.com/culture/cover-story/cover-story-2025-01-20) ist eine Karikatur abgedruckt, die Trump und Musk zeigt, wie sie zur Amtseinführung gemeinsam auf die Bibel schwören. Während Musk feixend im Mittelpunkt steht, ist der im Gesicht rot anlaufende Trump abgeschnitten. Musk wird als "Schattenpräsident" bezeichnet, und es stellt sich die Frage, wie lange Trump diesen Angriff auf seine One-Man-Show toleriert.

Musk mag der reichste, lauteste und schrillste unter den engen Verbündeten Trumps sein. Innerhalb der neuen Regierung wird allerdings kein anderer Berater so sehr den Ton angeben wie der besagte Miller. Der 39-Jährige gehört zu den ganz wenigen Personen, die bereits in Trumps erster Amtszeit eine führende Rolle innehatten und heute noch immer dessen Vertrauen genießen. Mehr noch: Miller hat über die vergangenen Jahre, in denen er den rechten Thinktank America First Legal leitete, sogar an Macht zugelegt. Wenn es einen Schattenpräsidenten gibt, dann ist es Miller.

Was Miller will, wird angegangen
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Direkt nach Trumps Amtseinführung am Montag wird Miller gleich drei wichtige Positionen einnehmen: Assistent des Präsidenten, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses sowie Berater in Sachen "Heimatschutz". Miller entscheidet über Policy-Fragen genauso wie über wichtige Positionen im Stab und in den Ministerien; er hat Einfluss darauf, was Trump in seinen Reden von sich gibt und was dessen Regierung insgesamt priorisiert. Trump lässt ihn wirken, innen und außen. Wenn Miller etwas will, wird es angegangen.

Wie schon zwischen 2017 und 2021, als Miller unter anderem den sogenannten _Muslim ban_ initiierte, also das offenkundig rassistisch motivierte Einreiseverbot für Menschen aus mehreren muslimisch geprägten Ländern, sowie die inhumane Trennung von eingewanderten Eltern und ihren Kleinkindern vorantrieb, wird sich Miller auch dieses Mal voll und ganz seinem Lebensthema widmen: der Abschottung des Landes. Wie das [Onlinemagazin _Axios_ berichtete](https://www.axios.com/2025/01/09/trump-immigration-executive-orders-stephen-miller), will Trump gleich zu Beginn 100 _executive orders_ vorstellen, also präsidiale Verfügungen, für die es keine Zustimmung des Kongresses braucht. Ziel ist es, die politischen Gegner – Demokraten, liberale Medien und progressive Organisationen – mit Vorstößen zu überfluten. Ein bedeutender Teil der angekündigten Maßnahmen geht auf Miller zurück. Auch die Umsetzung wird er beaufsichtigen.

Es geht unter anderem um den Bau der Mauer zu Mexiko und die Errichtung von großen Internierungslagern, die Wiedereinführung der Title-42-Regel, nach der Immigrantinnen und Immigranten mit Verweis auf die öffentliche Gesundheit massenweise abgewiesen werden dürfen, und um eine gezieltere Zusammenarbeit zwischen Bundesbehörden und lokaler Polizei, die jene Abschiebungen durchführen sollen. Mehrere Millionen undokumentierte Einwanderer sollen in den kommenden Jahren aus dem Land verschwinden. Laut [Berichten der](https://www.nytimes.com/2025/01/17/us/politics/trump-immigration-raids-chicago.html) _[New York Times](https://www.nytimes.com/2025/01/17/us/politics/trump-immigration-raids-chicago.html)_und [des _Wall Street Journal_](https://www.wsj.com/politics/policy/trump-to-begin-large-scale-deportations-tuesday-e1bd89bd) sind in Chicago entsprechende Razzien bereits ab Dienstag geplant. In Richtung der demokratisch regierten Großstädte, die sich als _"sanctuary cities"_ verstehen, als Schutzräume für Geflüchtete, droht Miller mit Strafverfolgung. Wer sich Trumps Agenda entgegenstellt, muss mit juristischer Bekämpfung und rhetorischer Dämonisierung rechnen. 

Inwiefern die Demokraten das überhaupt versuchen, ist derweil fraglich. Der nun scheidende Präsident Joe Biden hat in den vergangenen Jahren den Grenzschutz selbst deutlich verschärft. Auch Kamala Harris setzte im Wahlkampf auf Law and Order. Mit Hilfe demokratischer Stimmen ist zudem gerade ein neues Gesetz zur Eindämmung der Einwanderung auf dem Weg. Die Rechte hat sich bei diesem Thema also bis auf Weiteres durchgesetzt.  

Als Miller im vergangenen Oktober im New Yorker Madison Square Garden auf der Bühne stand, um die Stimmung vor Trumps Rede anzuheizen, rief er der Menge in unverhohlen völkischem Ton zu, dass "Amerika für Amerikaner" gedacht sei, und zwar "nur für Amerikaner", wie er betonte. In einem kürzlichen Interview mit Fox News monologisierte sich Miller innerhalb weniger Sekunden in Rage und kündigte die vollständige Abriegelung der südlichen Grenze an. [Laut _New York Times_](https://www.nytimes.com/2025/01/16/us/politics/stephen-miller-trump.html) ist sogar Trump manchmal verblüfft, wie obsessiv Miller das Thema Immigration bearbeitet. Ginge es nach Miller, so soll es Trump bei einem Meeting gesagt haben, wäre in den [USA](https://www.zeit.de/thema/usa) nur noch Platz für 100 Millionen Menschen (statt aktuell 330 Millionen), und alle würden aussehen wie er. Miller wirkt getrieben; vor allem aber treibt er andere an. Er ist der ideologische Motor dieser Regierung.  

Linke Methoden, rechte Ideologie
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Es lohnt sich, Stephen Millers politische Biografie genauer unter die Lupe zu nehmen. Und zwar nicht nur, weil er Trumps _America-First-_Programm wie kein anderer bestimmen wird. Zum einen lässt sich an Miller zeigen, wie bestimmte faschistoide Narrative in den vergangenen Jahrzehnten vom ideologischen Rand in den Mainstream gewandert sind, etwa die Verschwörung vom "großen Austausch", wonach die weiße Bevölkerung systematisch durch nicht weiße Immigranten ersetzt werde. Zum anderen verrät Millers Aufstieg auch viel über die psychopolitischen Mechaniken der Trumpschen Welt, insbesondere über die zwei entscheidenden Faktoren Loyalität und Dominanz. Miller hat verstanden, wie man dem Narzissten Trump imponiert, ohne dessen Hoheit infrage zu stellen. Die Journalistin Jean Guerrero sieht in dem Zusammentreffen der beiden eine Art perfektes Match. Trumps "Reichtümer, Marketinginstinkt und emotionaler Rassismus" ergänzten sich mit Millers "fanatischer Ideologie, Arbeitsmoral und strategischem Denken".

Miller wuchs in einer jüdischen Familie im liberalen Santa Monica auf, obere Mittelschicht. Sein Vater brachte es als Immobilienentwickler zu Geld, kam mit seiner Firma aber zunehmend in rechtliche und finanzielle Schwierigkeiten. Politisch waren die Millers nicht auffällig, ihr Sohn aber ließ sich früh von der Stimmung anstecken, die sich Anfang der 1990er zuspitzte. Das _Time Magazine_ veröffentlichte damals eine Titelgeschichte über den "Farbenwechsel" des Landes und sprach angesichts ansteigender Zahlen hispanischer Einwanderer von einem _"browning of America"_. Miller war in der neunten Klasse, als er die Freundschaft zu einem Jungen aufgrund dessen lateinamerikanischer Herkunft beendete. Im Buch _Hatemonger_ kommen mehrere Mitschüler zu Wort, die Miller als provokativen und eingebildeten Jugendlichen erinnern.

Miller wurde von den rechten Kulturkriegern der 1990er-Jahre geprägt, die in Kalifornien ihre Hochburg hatten. Neben Larry Elder war das vor allem Rush Limbaugh, ebenso ein Radiomoderator mit leidenschaftlicher Zuhörerschaft, der in seinen Sendungen fortlaufend den Untergang der westlichen Welt beschwor. In seinem 1992 veröffentlichten Buch _The Way Things Ought to Be_ verteidigte Limbaugh den während der Kolonisierung der USA vollzogenen Genozid an der indigenen Bevölkerung und raunte, dass der Feminismus erschaffen wurde, um Männer zu terrorisieren. Weiße sollten sich nicht länger schuldig fühlen, appellierte Limbaugh. Miller sagt, dass er das Buch wie einen fesselnden Thriller gelesen habe, "jede Seite voller Offenbarungen".

Eine wegweisende Rolle spielte außerdem David Horowitz, ein Aktivist und Autor, der noch in den 1960er- und 1970er-Jahren Wortführer der Neuen Linken gewesen war, sich aber in der Folge immer weiter rechts positioniert hatte. Horowitz gründete 1988 einen Thinktank, der sich der Bekämpfung progressiver Politik und des Islams verschrieb und bis heute unter dem Namen David Horowitz Freedom Center operiert. Horowitz war überzeugt, dass sich die Methoden und Werkzeuge der linken Gegenkultur auch zur rechten Agitation nutzen ließen. So motivierte er junge konservative Männer dazu, sich im Namen der "freien Rede" und "Gleichberechtigung" gegen die vermeintlich linke Hegemonie zu wehren. Wir sind die wahren Opfer, lautete die Botschaft. Chauvinismus wurde auf diese Weise als Form der Selbstverteidigung geframt. Horowitz staunte, als er den jungen Miller zum ersten Mal im Radio hörte. Miller wiederum war vom politischen Überläufer Horowitz fasziniert und lud ihn als Gastredner an seine Highschool ein.

Als Miller an der Duke University sein Studium aufnahm, setzte sich seine Radikalisierung fort. In seiner ersten Kolumne für die Campuszeitung _The Chronicle_ warf Miller der Universität vor, vom "Multikulturalismus besessen" zu sein. Zusammen mit Richard Spencer, ebenfalls Duke-Student und später Vordenker der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung, organisierte Miller eine Debatte zum Thema Immigration, zu der sie Peter Brimelow einluden, einen Anhänger der rassistischen Ideologie "weißer Vorherrschaft". Brimelow hatte Ende der Neunziger die Website vdare.com ins Leben gerufen, benannt nach Virginia Dare, dem ersten weißen Baby, das im 16. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen USA geboren wurde. Dass die US-Rechte das erste weiße Neugeborene der Siedler glorifiziert und das Land gleichzeitig als urweiß und quasi schon immer christlich mythologisiert, gehört zu ihren vielen Widersprüchen.  

Mark Zuckerberg gehorcht aufs Wort
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Leute wie Brimelow, Horowitz und Elder spielen im öffentlichen Diskurs heute kaum noch eine Rolle. Auch um Limbaugh war es in den Jahren vor seinem Tod 2021 eher ruhig. Die Medienlandschaft bestimmen längst andere. Will man Trumps Aufstieg und seine Bewegung verstehen, kommt man an der rechten Talk-Radio-Generation der 1990er allerdings nicht vorbei. In vieler Hinsicht haben die Agitatoren damals den Nährboden gelegt, auf dem die MAGA-Bewegung heute blüht. Und in Miller fanden sie früh einen Schützling, der die Ideen stürmisch weiterträgt.

Dank Horowitz bekam Miller nach seinem Studium dann einen Job im Team des rechten Senators Jeff Sessions. In dieser Zeit auf dem Capitol Hill vertiefte Miller seine Kontakte, befreundete sich unter anderem mit Steve Bannon, damals Chefredakteur des rechtsradikalen Onlinemagazins _Breitbart_ und später Trumps Chefstratege. Nachdem sich Miller 2015 dem Wahlkampfteam von Trump angeschlossen hatte und bald zu dessen Redenschreiber avanciert war, suchte er immer wieder die Hilfe seiner früheren Mentoren. Insbesondere mit Elder und Horowitz tauschte er sich über Strategien und Formulierungen aus. Als Trump in einer Rede im Sommer 2016 raunte, dass Obama die Terrororganisation ISIS gegründet habe, schrieb Horowitz in einer E-Mail an Miller: "Ich habe die letzten 20 Jahre hierauf gewartet. Gute Arbeit."

Man muss sich Miller als einen fanatischen Menschen vorstellen. [Das Magazin _Vanity Fair_ berichtete](https://www.vanityfair.com/news/2018/06/stephen-miller-family-separation-white-house?srsltid=AfmBOopW2KR8VWgIOIl4f74Cl98bXJI6wzLBk0y92QtHOhQf97T_E2Sh) 2018 mit Bezug auf Quellen aus dem Weißen Haus, dass Miller die Bilder von getrennten Einwandererfamilien regelrecht genießt. "Die Grausamkeit ist der Punkt", kommentierte das der Journalist Adam Serwer. Je aufgebrachter Demokraten und liberale Medien sind, desto besser für Miller. Er braucht das Chaos, um Repressionen zu legitimieren. Das für ihn, und viele andere US-Rechte, paradigmatische Buch stammt vom französischen Autor Jean Raspail und heißt _Das Heerlager der Heiligen_. Raspail schildert in dem 1973 veröffentlichten Roman, wie Frankreich und der Westen von Immigranten aus armen Ländern überrannt werden. Die Flüchtenden werden als "gigantisches Monster mit Millionen Beinen" beschrieben. Miller scheint diese rassistische Erzählung nicht nur aus strategischen Gründen zu verbreiten, sondern mit voller Überzeugung zu glauben. "Ich habe keine Familie. Ich habe nichts anderes. Das ist mein Leben", [soll Miller vor einigen Jahren in einer internen Besprechung gesagt haben](https://www.newyorker.com/magazine/2020/03/02/how-stephen-miller-manipulates-donald-trump-to-further-his-immigration-obsession), als es um das Thema Immigration ging.

So entfesselt Miller wirkt, wenn es um die Abriegelung der USA geht, so kühl manövriert er sich seit Jahren durch die Machtzirkel von Washington D. C. Miller weiß, dass Loyalität für Trump die entscheidende Kategorie ist. Er ist seinem Chef in den vergangenen Jahren nicht von der Seite gewichen, hat ihn in jeder Lage verteidigt. Um Trump Ergebenheit zu demonstrieren, hat sich Miller selbst von ehemaligen Mentoren wie Bannon und Sessions abgewandt. Gleichzeitig beeindruckt Miller Trump damit, wie er Mitarbeiter beherrscht und einschüchtert. Nach oben hörig, nach unten dominant – mit dieser Kombination ist Miller zu Trumps wichtigstem Vertrauten geworden.

[Wie die _New York Times_ in einem jüngst erschienenen Artikel berichtet](https://www.nytimes.com/2025/01/16/us/politics/stephen-miller-trump.html), hat sich Miller seit Trumps Abwahl 2020 systematisch mit republikanischen Politikern, rechten Medienmachern, Geldgebern und Unternehmern zusammengetan, um auf eine Wiederwahl Trumps einzuschwören. Ende vergangenen Jahres etwa sei es zu einem Treffen mit Meta-Chef [Mark Zuckerberg](https://www.zeit.de/thema/mark-zuckerberg) gekommen, in dem Miller deutlich gemacht habe, dass von Zuckerberg ein Wandel seines Unternehmens erwartet werde. Progressive Bemühungen, beispielsweise um Diversität unter Beschäftigten, sollten beendet werden, jedwede politische Einmischung werde nicht geduldet. Zuckerberg habe sich sofort gefügt, wie es in dem Artikel heißt.

Als Zuckerberg am 10. Januar eine Reihe von Regeländerungen für die Meta-Plattformen Facebook, Threads und Instagram der Öffentlichkeit vorstellte, allen voran die Auflösung des Diversitätsprogramms und das Ende der professionellen Faktenprüfung, wusste Miller längst Bescheid. Zuckerbergs Team hatte ihm die Details der Neuausrichtung vorher zur Prüfung geschickt. Miller ist nicht mal 40 Jahre alt, aber hat eine Machtposition erreicht, in der er sich auf den vorauseilenden Gehorsam von Multimilliardären verlassen kann.