*Ihre erste depressive Phase zeigte sich bei Daniela Widmann mit 15. Mittlerweile fühlt sich die 26-Jährige stabil. Hier blickt die ganze Familie aus unterschiedlichen Perspektiven zurück auf die Krisenjahre.* 

## "Durch meine Depression ist viel Bewegung in meine Familie gekommen"

*Daniela Widmann  
*

Eine Depression verschwindet nicht einfach so. Sie hinterlässt Spuren. Auch heute noch gibt es Phasen, da fühlt sich die Welt um mich herum und in mir drin neblig-grau an. Doch ich habe im Laufe der Jahre viel an mir gearbeitet und mich gut kennengelernt. Ich weiß, was ich tun kann, um mich aus dem Tief wieder nach oben zu ziehen.

Ich achte dann darauf, mehr Zeit in der Natur zu verbringen, beim Reiten, mit Tieren. Auch kreative Beschäftigungen wie Basteln und Töpfern helfen mir. Viel wichtiger ist es aber, dass ich dann darüber reden kann. Meistens mach ich das mit meinem Freund, der für mich eine unfassbar große Stütze ist. Manchmal auch mit meiner Mama, die mich in diesen Phasen auch früher schon begleitet hat.

Angefangen hat alles, als ich 15 war. Ich fühlte mich damals oft unwohl, hatte Bauchweh und Durchfall. Zusammen mit meiner Mutter ging ich zu vielen Ärzten. Alles wurde überprüft: Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit, Magenschleimhautentzündung. Doch es konnte keine körperliche Ursache gefunden werden. Am Ende lautete die Diagnose: [Reizdarm](https://www.zeit.de/gesundheit/zeit-doctor/2022-12/reizdarmsyndrom-beschwerden-behandlung-miriam-goebel-stengel-interview). Aber was sollte ich damit nun anfangen?

Ich war damals oft niedergeschlagen, aber ich verstand nicht, warum. In der Schule hatte ich Schwierigkeiten. Der Leistungsdruck hatte sich verstärkt, das Lernen fiel mir nicht mehr so leicht wie früher. Außerdem fühlte ich mich irgendwie fehl am Platz. Ich war damals in einer Mädchenklasse. Die meisten meiner Klassenkameradinnen waren nur an Äußerlichkeiten interessiert. Ich verglich mich mit den anderen, wollte mithalten. Aber mein innerer Kritiker war hart. Er redete mir ein, dass ich hässlich und dick bin und nicht so cool wie die anderen.

Meine Mutter fragte mich damals oft, wie es in der Schule war. Ich erzählte ihr, dass ich mich nicht wohlfühlte. Sie versuchte, mich aufzuheitern, meinen Blick auf das Gute zu lenken. "Was war denn heute schön? Ich will nur das Positive hören!"

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE

Meine Mama ist ein Sonnenschein, immer gut gelaunt, aktiv und voller Lebensfreude. Ich spürte, dass ich da nicht mehr mithalten kann und hatte das Gefühl, dass es inmitten dieser Positivität keinen Raum für meine Traurigkeit gab. Ich wusste, dass meine Mutter mir helfen will. Sie kam oft in mein Zimmer, um mit mir zu reden. Das war gut, weil sie mir damit zeigte, dass ich nicht alleine bin. Aber es war auch anstrengend, weil mich ihre Fragen gestresst haben. "Was ist denn los mit dir? Wie kann ich dir helfen?" Ich hatte darauf keine Antworten. Ich wusste doch selbst nicht, was mit mir los war.

Es gab ja eigentlich keinen Grund für meine Traurigkeit, dachte ich. Auch meine Mutter hat mir dieses Gefühl vermittelt. Sie hat manchmal so etwas gesagt wie: "Es gibt viele, denen geht’s noch schlechter!" Ich weiß, dass sie mich damit aufmuntern wollte, aber damals hat es mich noch mal mehr unter Druck gesetzt.

Mein Vater hat sich damals ziemlich zurückgehalten. Er hat nicht wirklich verstanden, was mit mir los war. Und meine Mutter hat das Kümmern so sehr übernommen, dass er gar keine Chance hatte, sich einzubringen.

## "Nach dem Abi bin ich in ein tiefes Loch gefallen"

Auch mit meinem kleinen Bruder habe ich kaum darüber gesprochen. Er ist anderthalb Jahre jünger, wir waren schon immer sehr eng. Ich wollte ihn nicht mit meinen Sorgen belasten. Und es war entlastend, dass er mich nicht ständig darauf angesprochen hat. Er war einfach weiterhin der fröhliche Quatschkopf und hat mich oft aufgeheitert.

Was mir damals außerdem geholfen hat, waren Gespräche mit der Schulpsychologin. In diesen Gesprächen wurde deutlich, dass ich vermutlich eine Depression habe und eine Verhaltenstherapie helfen könnte.

Ich war mittlerweile fast 17. Meine Mutter kümmerte sich um einen Platz, dafür war ich ihr sehr dankbar. Bei manchen Sitzungen war sie mit dabei, weil ich es so wollte. Schließlich wussten wir beide nicht, wie man mit einer Depression am besten umgeht.

In der Therapie haben meine Mutter und ich erkannt, wie unterschiedlich wir sind und wie verschieden wir auf das Leben gucken. Mir tat ihr Fokus auf das Positive und diese Einstellung, es gäbe für alles eine Lösung, nicht gut. Weil es mir das Gefühl gab, dass ich selbst schuld war an meiner Depression. Auch meine Mutter hat in der Therapie verstanden, dass nett gemeinte Sätze wie "Alles wird gut" für depressive Menschen keine Hilfe sind. Dass man als Angehöriger nicht immer nach einer Lösung suchen muss. Dass es reicht, wenn man den Betroffenen einfach nur zuhört und sie in den Arm nimmt.

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE

Wir haben alle gehofft, dass es mir mit der Therapie und den Antidepressiva, die mir ein Psychiater verschrieben hatte, bald besser geht. Doch dann trennte sich mein Freund von mir, kurze Zeit später kam eine gute Freundin bei einem Autounfall ums Leben und parallel sollte ich mich auf mein Abitur vorbereiten.

Das Abi habe ich geschafft, aber danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich war total verzweifelt, spürte, dass ich es alleine mit der Therapie nicht mehr schaffe. Auch die Antidepressiva halfen nicht. Und so entschied ich mich für einen Aufenthalt in einer Klinik. Meine Mutter kümmerte sich wieder um einen Platz. Alleine hätte ich dafür nicht die Kraft gehabt.

Rückblickend würde ich sagen, dass die Klinik meine Rettung war. Weil ich dort endlich zur Ruhe kommen und mich intensiv mit mir beschäftigen konnte. In all den Jahren vorher habe ich trotz meiner Depression immer weitergemacht. Bin immer brav in die Schule gegangen, hab alle Hausaufgaben gemacht, alle Klausuren mitgeschrieben, war immer beim Training und bei allen Familienfeiern. Ich habe mir nie eine Pause gegönnt. Weil ich es von meinen Eltern so gelernt hatte und immer das Gefühl hatte, dass sie das von mir erwarten.

Rückblickend würde ich sagen, dass durch meine Depression in meiner [Familie](https://www.zeit.de/familie/index) viel in Bewegung gekommen ist. Weil wir uns alle damit beschäftigen mussten, wer wir sind und welche Rolle wir einnehmen. Wir haben auf diese Weise mehr Verständnis füreinander entwickelt. Für das, was uns unterscheidet und verbindet. Ich bin dankbar dafür, dass ich nie alleine war. Dass ich immer wusste: Meine Mutter, mein Vater und mein Bruder sind für mich da – auch wenn ihr Verhalten nicht immer hilfreich war. Aber wir mussten ja alle erst lernen, was eine Depression bedeutet und wie man mit ihr umgeht. Ich finde, das ist uns gut gelungen.

## "Ich grübelte: Was habe ich als Mutter falsch gemacht?"

*Serena Widmann, Mutter*

Mein größter Wunsch war immer, dass mein Kind einfach nur glücklich ist. Und es ist mir nicht leichtgefallen, zu akzeptieren, dass es nicht so ist.

Nach dem Ärztemarathon, um ihre Bauchprobleme zu untersuchen, verstand ich, dass die Ursache vielleicht etwas Seelisches ist. Daniela hat mir in dieser Zeit erzählt, dass sie sich in der Klasse nicht mehr wohlfühlt, dass alle anderen Mädchen schlank und schön sein wollen und alle so perfekt sind. Okay, dachte ich, das ist jetzt so eine pubertäre Phase und das mit den Mädchen, das ist ja auch nicht immer einfach. Ich war zuversichtlich, dass die Phase vorbeigeht, zumal Daniela noch andere gute Freundschaften hatte.

## "Ich war immer ihre erste Ansprechpartnerin"

Doch es wurde immer schlimmer. Daniela hat sehr oft geweint, manchmal stundenlang. Ich habe versucht, sie zu trösten. Das hat mich sehr gefordert. Ich bin froh, dass sie mich nicht weggeschickt hat, wenn es ihr nicht gut ging. Auch wenn wir beide nicht verstanden, was mit ihr los ist.

Zum Glück war Daniela immer aufgeschlossen für Hilfe. Ich habe mich um einen Platz bei einer Verhaltenstherapeutin gekümmert. War voller Hoffnung, dass ihr das jetzt hilft. Und dass damit auch die Belastung für mich abnimmt.

Denn ich war immer ihre erste Ansprechpartnerin. Mein Mann hat sich da eher rausgehalten. "Mensch, die Daniela, die ist doch stark, und das renkt sich schon wieder ein!", hat er gesagt. Als dann klar war, dass das eine richtige Depression ist, war er damit auch überfordert. Vielleicht mehr als ich, weil ich mich mit dem Thema bis dahin schon mehr beschäftigt hatte. Ich wollte wissen, wie man Depressiven helfen kann, habe Bücher gelesen, bin bei einigen Therapieterminen mitgekommen.   

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE

Als die Therapeutin mir erklärt hat, dass gut gemeinte, aufmunternde Sprüche wie "Das wird schon wieder" oder "Mach dir keine Sorgen, alles wird gut" für depressive Menschen keine Hilfe sind, hab ich mich wie ertappt gefühlt. Genau das hatte ich oft zu Daniela gesagt. Ich hatte ihr damit Hoffnung machen wollen und habe nicht geahnt, wie belastend solche Aussagen sein können. Ich bin froh, dass ich das lernen durfte. So fiel es mir danach leichter, Daniela einfach nur in den Arm zu nehmen und zuzuhören – ohne immer zu versuchen, sie aufzumuntern und nach einer Lösung zu suchen.

Aber ich fühlte mich auch schuldig, fing an zu grübeln: Was habe ich als Mutter falsch gemacht? Warum kann meine Tochter nicht glücklich sein? Warum hat sie eine Depression entwickelt? Wie konnte es sein, dass ihr jüngerer Bruder so fröhlich war und sie so traurig – wir hatten doch beide Kinder gleich behandelt? Ich habe darüber viel mit meiner Schwester und meinen Freundinnen gesprochen. Das hat mich etwas getröstet.

Ich war auch eine Weile bei einer Selbsthilfegruppe für Eltern von depressiven Kindern. Allerdings hatten die andere Probleme. Die meisten haben darüber geklagt, dass ihr Kind gar nicht mehr mit ihnen redet und haben mir gesagt, ich hätte doch noch Glück, weil Daniela sich nicht von mir abwendet. Da bin ich dann nicht mehr hingegangen.

Was mir in dieser schweren Zeit geholfen hat: dass ich mich und meine Bedürfnisse nicht vergessen habe. Ich habe mich verabredet, Freunde eingeladen. In solchen Momenten konnte ich abschalten und fröhlich sein. Auch meine Arbeit in einem Flüchtlingscamp hat mich gestärkt. Wenn ich dort war, war ich abgelenkt. Außerdem war ich konfrontiert mit schlimmen Schicksalen. Das hat mir gezeigt, wie viele Menschen noch viel größere Probleme haben.

Doch dann kam die schlimmste Phase rund ums Abitur. Daniela war total verzweifelt, weinte jeden Abend, wollte nicht mehr rausgehen. Da bin ich irgendwann zusammengebrochen. Ich fühlte mich so hilflos. Manchmal hatte ich Angst, dass sie sich was antun könnte.

Mein Mann und ich hatten vorher schon mal überlegt, ob Daniela vielleicht mal in eine Klinik sollte, aber wir hätten das von uns aus nicht angesprochen. Es hätte sich angefühlt, als ob wir sie wegschicken. Aber nun kam der Wunsch ja von ihr. Was für ein Glück.

Die Klinik war ein Wendepunkt. Für Daniela, aber auch für uns Eltern. Sie war dort sehr gut aufgehoben. Endlich nicht mehr alleine zuständig zu sein, hat mich total erleichtert. Wir hatten dort auch Gespräche mit den Therapeuten, eins hatte ich mit Daniela alleine und einmal waren wir auch alle zusammen als Familie da. In diesen Gesprächen verstand ich, wie verschieden wir sind und dass ich viel zu lange geglaubt hatte, Daniela sei so wie ich. Es wurde auch deutlich, wie sehr wir Eltern durch unseren Pragmatismus und unseren positiven Blick aufs Leben unbewusst Druck ausgeübt hatten. Mein Mann und ich dachten immer, es ist doch gut, wenn wir unseren Kindern beibringen, das Gute zu sehen und immer wieder aufzustehen, wenn man fällt oder nicht gleich alles hinzuschmeißen, wenn mal etwas nicht funktioniert.

## "Mir war nicht bewusst, welche Tragweite diese Krankheit hat"

Für einen sensiblen Menschen wie Daniela war das nicht die richtige Einstellung. Bei ihr wär's besser gewesen, wenn wir ihr gesagt hätten, dass man sich auch mal schlecht fühlen darf. Zugleich wurde in den Gesprächen auch deutlich, dass wir Eltern zwar Fehler gemacht haben, uns aber nicht schuldig fühlen müssen. Eine Depression entsteht nicht nur, weil Eltern etwas falsch machen. Viele andere Faktoren spielen eine Rolle, auch eine genetische Veranlagung. Vermutlich ist meine Mama diesbezüglich vorbelastet, aber wir haben darüber nie offen gesprochen.

Daniela war zwei Monate lang in der Klinik, es ging ihr danach deutlich besser und sie hat sich eine eigene Wohnung gesucht. Das hat ihr sehr gutgetan, weil sie so die Chance hatte, selbst für sich zu sorgen. Und ich war nicht wieder so nah dran, dass ich mich immer zuständig fühlte. Denn auch das hatte ich in der Zeit gelernt: Dass meine Tochter ihr eigenes Leben lebt und selbst dafür verantwortlich ist.

Daniela hat immer mal wieder depressive Phasen. Aber sie hat im Laufe der Jahre Strategien entwickelt, die ihr helfen, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Sie hat eine ganz tolle Therapeutin, einen wunderbaren Freund, sie mag ihre Arbeit. All das stärkt sie. Und sie weiß, dass sie sich immer auch an mich, an uns wenden kann. Wir sind ihre Familie, wir sind immer für sie da.

## "Meine Aufgabe: Weiterhin der kleine lustige Bruder bleiben"

*Christopher Widmann, Bruder*

Wie schlecht es meiner Schwester ging, ist mir erst bewusst geworden, als sie fast jeden Abend in ihrem Zimmer war und geweint hat. Bis dahin haben wir als Familie abends oft zusammen Zeit verbracht. Haben zusammen gegessen, geredet oder einen Film geguckt. Und irgendwann hat Daniela immer mehr gefehlt.

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE

Am Anfang habe ich überhaupt nicht verstanden, warum Daniela so traurig ist. Wir hatten es doch gut: Unsere Eltern haben sich immer gut um uns gekümmert, es hat uns an nichts gefehlt. Für mich war die Welt in Ordnung. Erst im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass Menschen unterschiedlich mit einer vermeintlich guten Zeit umgehen, dass sich viele Probleme im Hintergrund unbemerkt aufbauen und erst viel später zeigen.

Irgendwann war dann klar, dass Daniela depressiv ist. Auch da war mir noch nicht bewusst, welche Tragweite diese Krankheit hat. Ich habe überlegt, wie ich Daniela helfen kann. Für mich stand fest: Meine Aufgabe als kleiner lustiger Bruder ist es, dass ich weiterhin der kleine lustige Bruder bleibe. Ich wollte etwas Leichtigkeit in diese ganze Ernsthaftigkeit reinbringen. Das hat sich für mich richtig angefühlt. Daniela hat mir später auch mal gesagt, dass ihr das geholfen hat. Mit mir konnte sie herumalbern und lachen, ich durfte sogar Witze über ihre Depression machen. Sie wusste, dass ich mich nicht über sie lustig mache, sondern sie damit einfach nur aufheitern wollte. Selbst als sie in der Klinik war und es ihr wirklich schlecht ging, haben wir noch Witze gemacht. Zum Beispiel darüber, wie gut es ihr doch eigentlich geht. Sie war damals privat versichert und bekam morgens Nutella, während die anderen eine No-Name-Schokocreme bekamen. Darüber konnten wir lachen.

Vielleicht war ich auch deshalb weiterhin der lustige kleine Bruder, weil ich nicht ein weiteres trauriges Kind sein wollte, um das sich meine Eltern Sorgen machen müssen. Im Vergleich zu Danielas Depression waren meine eigenen Probleme nur Problemchen. Dass ich damals diese Einstellung entwickelt habe, ist mir aber erst Jahre später durch Gespräche mit meiner Freundin bewusst geworden.

Ich habe auch mal mit meiner Mutter darüber gesprochen, dass inmitten der ganzen Sorgen um Daniela vielleicht zu wenig Raum für mich war. Sie sieht das heute auch so. Aber ich habe ihr nie einen Vorwurf daraus gemacht. Was hätte sie denn tun sollen? So eine Depression war und ist eine absolute Ausnahmesituation. Niemand von uns wusste anfangs, wie man damit umgehen soll. Und es ist nicht einfach, sich da immer richtig zu verhalten.

Das Schwierigste für die Angehörigen ist, dass sie nicht wirklich nachvollziehen können, was mit der depressiven Person los ist. Ich würde mal sagen, weder meine Mutter noch mein Vater noch ich konnten das verstehen, obwohl wir es hautnah mitbekommen haben. Ich glaube, man kann das nur begreifen, wenn man es selbst erlebt hat. Und trotzdem ist es wichtig, Verständnis und Empathie zu zeigen und für die betroffene Person da zu sein.

Den meisten Teil dieser Arbeit hat meine Mutter gemacht. Sie hat Daniela bei allen Arzt- und Therapieterminen begleitet, hat sich um alles Organisatorische gekümmert und wenn Daniela geweint hat, dann ist fast immer meine Mutter zu ihr hochgegangen. Das war für sie anstrengend, auch wenn sie sich das nur selten anmerken ließ. Sie ist ein super positiver Mensch. Sie versucht immer, das Positive zu sehen und Lösungen zu finden. Aber sie hat mir manchmal auch erzählt, wie sehr es sie belastet, dass es eben keine einfache Lösung gibt.

## "Ich habe damals oft versucht, Daniela aufzumuntern"

Als kleiner Bruder konnte ich mich natürlich etwas raushalten. Die Verantwortung lag ja bei meinen Eltern, nicht bei mir. Ich habe mein Leben weiterhin so gelebt, wie es mir gefällt. Habe Sachen gemacht, die mir Spaß machen. Es hätte meiner Schwester ja auch nicht geholfen, wenn ich mich da hätte rein- und runterziehen lassen.

Aus heutiger Sicht würde ich das vielleicht etwas anders machen. Vielleicht wäre es für Daniela gut gewesen, wenn ich noch mehr für sie da gewesen wäre. Ich glaube, ich hätte ihre Traurigkeit gut aushalten können. Aber damals war mir das nicht so bewusst.

## "Ich dachte lange, das ist nur eine Phase"

*Michael Widmann, Vater*

Als sich Danielas Depression erstmals zeigte, hatte ich mit meiner Firma gerade keine einfache Zeit. Ich habe damals viel gearbeitet, kam abends oft erst spät zurück und war sehr angespannt. Zum Glück hatte ich meine Frau Serena an meiner Seite. Sie hat Teilzeit gearbeitet, war also nachmittags und am frühen Abend zu Hause, wenn ich noch nicht da war. Sie hat sich intensiv um Daniela gekümmert. Hat viel Zeit mit ihr verbracht, wenn sie traurig war. Und ich wusste, ich kann mich darauf verlassen, dass Serena das gut macht. Ich wollte mich abends nicht noch mal einmischen. Es macht keinen Sinn, so zu tun, als könne man als Papa das Rad dann noch mal neu erfinden. Vielleicht hat mir auch ein bisschen das Verständnis gefehlt, wie Danielas Traurigkeit einzuordnen ist. Ich dachte lange Zeit, das ist nur eine Phase.

Ich habe damals oft versucht, Daniela aufzumuntern. Zweimal pro Woche bin ich mit ihr zum Fußballtraining gegangen. Ich war dort der Trainer, sie war in meiner Mannschaft. Wenn sie mal keine Lust hatte, hab ich versucht, sie zu motivieren, mit Sätzen wie "Ach komm, jetzt hab dich nicht so!" oder "Jetzt reiß dich mal zusammen". Wie man das als Trainer halt so macht. Ich dachte, dass ich damit ihre Antriebslosigkeit vertreiben, sie anspornen und ihr auf diese Weise helfen kann. Sie ist auch fast immer mitgekommen, hatte beim Training Spaß. Aber irgendwann musste ich realisieren, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Sobald wir zu Hause waren und sie wieder unbeschäftigt war, zog sie sich wieder in ihr Zimmer zurück und war traurig.

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE

Auch an den Tagen, an denen wir keine Termine hatten und als Familie zusammensaßen, war sie viel in ihrem Zimmer. Meistens ist sie nach dem Abendessen direkt wieder aufgestanden.

Manchmal hatte ich das Gefühl, sie möchte am Leben am liebsten gar nicht mehr teilnehmen. Wir dachten, es hilft ihr, wenn wir sie aus ihrem Rückzug rausholen. Wir haben deshalb als Familie oft Ausflüge gemacht – in den Klettergarten, Tierpark oder kleine Skitouren. Wir wollten ihr zeigen, dass das Leben auch schöne Seiten hat. Daniela ist immer mitgekommen. Aber auch hier musste ich einsehen, dass wir mit dieser Strategie nicht viel verändern konnten.

Irgendwann stand dann die Diagnose fest und Daniela begann eine Therapie. Anfangs war ich diesbezüglich etwas skeptisch. Was soll das bringen?, dachte ich. Ich bin mit der Einstellung aufgewachsen, dass man nur zum Therapeuten geht, wenn man spinnt. Aber meine Tochter spinnt doch nicht!

Meine Frau war zu Glück von Anfang an sehr aufgeschlossen. Sie hat das Problem gegenüber Freunden und Bekannten nie verheimlicht. Und das war total hilfreich. Denn wenn wir erzählt haben, dass Daniela depressiv ist und eine Therapie macht, dann haben sich auch die anderen geöffnet. Haben erzählt, dass sie selbst oder ihre Kinder auch betroffen sind, auch Therapien machen. Dadurch habe ich realisiert, dass wir nicht alleine sind. Dass meine Tochter nicht die Einzige ist, der es schlecht geht. Dass Depressionen viel verbreiteter sind, als ich vorher gedacht habe. Und dass Therapien etwas ganz Normales sind. Als Daniela dann in die Klinik ging, war ich sehr erleichtert. Ich war mir sicher, dass ihr dort besser geholfen werden kann als nur mit der Therapie und unserer Hilfe. Und so war es ja dann auch. In der Klinik hat Daniela gelernt, wie sie mit der Krankheit umgehen kann und was ihr hilft, um sich besser zu fühlen. Das hat sie stabilisiert.

Wir alle haben in diesen Jahren viel gelernt. Unter anderem dass man eine Depression nicht durch gutes Zureden und Ablenken lindern kann. Dass man eine vermeintlich "schlechte Phase" unbedingt ernst nehmen sollte und professionelle Hilfe braucht. Manchmal wünsche ich mir, wir hätten das schon früher erkannt. Dann hätten wir nicht so lange versucht, das Problem alleine zu lösen.

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© Anna Aicher für ZEIT ONLINE