[Maksym Butkevych: Und er blieb doch ein Mensch | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2025/01/maksym-butkevych-ukrainischer-menschenrechtler-russische-kriegsgefangenschaft-ueberleben) 

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© Emile Ducke/​Ostkreuz für DIE ZEIT

Der ukrainische Pazifist und Menschenrechtler Maksym Butkevych spricht darüber, warum er in den Krieg gezogen ist und wie er als Kommandeur zwei Jahre und vier Monate in russischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat

Aus der [ZEIT Nr. 01/2025](https://www.zeit.de/2025/01/index?utm_campaign=wall_abo&utm_content=premium_packshot_cover_zei&utm_medium=fix&utm_source=zeitde_zonpme_int&wt_zmc=fix.int.zonpme.zeitde.wall_abo.premium.packshot.cover.zei) Aktualisiert am 4. Januar 2025, 10:45 Uhr

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[_Read the English version of this interview here_](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-12/maksym-butkevych-ukrainian-human-rights-activist-russian-prisoner-of-war-english)_._

**DIE ZEIT:** Herr Butkevych, Sie sind nach zwei Jahren und vier Monaten russischer Kriegsgefangenschaft frei. Wie hat Sie diese Zeit verändert?

**Maksym Butkevych:** Ich hatte früher nie Zeit im Leben, ich wurde von meiner Arbeit, von meinen Aktivitäten verfolgt. An meinem zweiten oder dritten Tag im Gefängnis dachte ich: Du wolltest immer Zeit haben, jetzt hast du sie. Ich begann, systematischer zu denken, die Dinge zu sortieren. Es geht darum, dem Wesentlichen, dem Wichtigen zu folgen.

**ZEIT:** Was ist das Wesentliche?

**Butkevych:** Ich dachte über Dinge nach, die wir in der Gefangenschaft durchgemacht haben: Schmerz und Angst, Gewalt und Tod. Ich habe gemerkt, dass ich Gewalt wahrscheinlich falsch verstanden habe. Wir denken, Gewalt wolle zerstören, dass es ums Töten oder Verletzen geht.

**ZEIT:** Ist das nicht der Fall?

**Butkevych:** Doch, aber es ist eine Folge der Gewalt, nicht ihre Essenz. Bei Gewalt geht es darum, Menschen zu entmenschlichen, indem man mit ihnen wie mit seelenlosen Dingen umgeht. Lebende Wesen sollen in etwas Unlebendiges verwandelt werden.

**ZEIT:** Können Sie das erläutern?

**Butkevych:** Man befiehlt einer Person, dass sie singt. Dass sie aufhört zu singen. Dass sie sich setzt, hinlegt, bückt. Als sei sie ein Spielzeug. In erster Linie geht es darum, einen Menschen seiner Freiheit zu berauben. Ein Spielzeug trifft keine Entscheidungen. Man kann es kaputt machen, wenn es nicht so funktioniert, wie man möchte.

**ZEIT:** Ein Spielzeug hat keine Würde.

**Butkevych:** Würde, Freiheit und Leben sind für mich verschiedene Seiten ein und derselben Sache. Und es geht um den Sinn. Unsere Leben sind sinnstiftend, das zeichnet uns Menschen aus. Ich denke nun oft darüber nach, wogegen wir in der [Ukraine](https://www.zeit.de/thema/krieg-in-ukraine) kämpfen. Es mag pathetisch klingen, aber auf der einen Seite stehen für mich die Freiheit des Lebens, Sinn und Würde. Und auf der anderen Zerstörung, Gewalt, Tod, Sinnlosigkeit und Entmenschlichung.

**ZEIT:** Sie wurden am 21. Juni 2022 gefangen genommen. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

**Butkevych:** Wir kamen zwei Tage zuvor in das Dorf Myrna Dolyna in der Region [Luhansk](https://www.zeit.de/thema/luhansk) im Osten, um die ukrainischen Truppen zu verstärken. Die ganze Nacht über standen wir unter heftigem Mörserbeschuss. Am Morgen war das Dorf halb ausgelöscht. So "befreien" russische Soldaten ukrainische Ortschaften: Sie löschen sie aus. Wir bekamen den Befehl, sogenannte Beobachtungspunkte an einer strategisch wichtigen Straße einzunehmen. Wir gingen dorthin, ich und acht Mann, also die Hälfte der Einheit, die ich kommandierte.

**ZEIT:** Sie waren Kommandeur bei dem Bataillon Berlingo.

**Butkevych:** Wir sollten beobachten, ob es feindliche Bewegungen entlang der Straße gab. Es war uns verboten, ohne Befehl in Schusskontakt zu gehen. Wir hatten schon einige Tage fast ohne Schlaf verbracht und hatten kein Wasser. Die Hälfte meiner Leute ist in meinem Alter oder älter. Sie sind in den ersten Tagen des Krieges in den Kampf gezogen, vorher waren sie Zivilisten. Einige hatten gesundheitliche Probleme. Ich bin auch kein Sportler und hatte zu der Zeit noch Übergewicht. Bald verloren wir die Verbindung, unsere Funkgeräte blieben stumm.

**ZEIT:** Was geschah dann?

**Butkevych:** Am nächsten Morgen konnten wir die feindlichen Truppen hören. Sie drangen in den angrenzenden Wald ein. Sie waren viele. Wir konnten es nicht melden, also wollten wir abziehen. In diesem Moment sagte einer der Soldaten eines anderen Bataillons über Funk, dass wir fast vollständig umzingelt seien. Wenn wir ihm folgten, würden wir es schaffen, zusammen zu entkommen. Wir haben gespürt, dass etwas nicht stimmt.

  

![](https://interactive.zeit.de/g/2023/illustrator-deployment-tool/embeds/S05-Ukraine-Politik-01-28122024/processed/S05-Ukraine-Politik-01-28122024-breit-light-20241229235743.png)

Russland

LUHANSK

UKRAINE

©ZEIT-Grafik/Quelle: ISW, CT

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Russland

LUHANSK

UKRAINE

©ZEIT-Grafik/Quelle: ISW, CT

**ZEIT:** Sie hatten immer noch keinen Funkkontakt mit Ihrem Kommandeur?

**Butkevych:** Nein, deshalb folgten wir der Navigation des Mannes. Wir waren seit fast 24 Stunden ohne Wasser. Ich machte mir nicht nur Sorgen um meine Jungs, sondern auch um mich selbst. Mir war schwindelig. Als wir den letzten Navigationspunkt erreichten, sollten wir über ein Feld zu einem Waldstück laufen. Wir liefen, so gut es ging. Kurz vor dem Wald forderte der Mann uns auf, stehen zu bleiben. Er sagte: Leute, es tut mir furchtbar leid, aber seit letzter Nacht bin ich in Gefangenschaft. Ich habe euch in die Stellungen des Gegners gelockt.

**ZEIT:** Dann haben Sie die Waffen niedergelegt?

**Butkevych:** Ja. Wir konnten nicht weglaufen. Ich habe gesagt: Jungs, tut, was sie sagen. Ich denke, sie hätten es sowieso getan, aber jemand musste einen Befehl geben. Ich wollte verantwortlich sein, falls etwas schiefgeht.

**ZEIT:** Was ging Ihnen durch den Kopf?

**Butkevych:** Es war wie bei einem Kinderspiel: Ihr gewinnt, wir verlieren. Wir haben versucht, uns darauf vorzubereiten, ein 200er zu werden, ein 300er zu werden.

**ZEIT:** 200 ist der militärische Ausdruck für einen Toten, 300 für einen Verwundeten.

**Butkevych:** Niemand von uns hatte darüber nachgedacht, was passiert, wenn wir gefangen genommen werden. Kurz bereute ich, dass ich meine Handgranate einem jüngeren Kämpfer gegeben habe, der unsere Sachen trug. Ich hatte den Gedanken, mich in die Luft zu sprengen, aber er verflog schnell. Nicht nur wegen meiner religiösen Überzeugung, sondern auch, weil ich für acht Männer verantwortlich war. Jede falsche Bewegung, die ich machte, hätte ihren Tod zur Folge haben können.

**ZEIT:** Die ersten Momente nach der Gefangennahme sind oft die kritischsten. Es sind Fälle dokumentiert, in denen unbewaffnete ukrainische Soldaten exekutiert wurden.

**Butkevych:** Später habe ich viele Kriegsgefangene getroffen. Einige ihrer Geschichten sind furchtbar. Manche wurden übel geschlagen oder mussten mitansehen, wie andere erschossen wurden.