[Job kündigen: "Ich begriff, dass ich gehen musste, damit es mir besser geht" | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/arbeit/2025-01/job-kuendigen-angestellte-freiheit-beruf) 

 Ob nach 30 Jahren im Betrieb oder direkt nach dem Führungswechsel: Fünf Angestellte erzählen, weshalb sie gekündigt haben und die Entscheidung genau richtig war.

Aktualisiert am 18. Januar 2025, 10:41 Uhr

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Wann ist Zeit, zu gehen? Diese Frage stellen sich viele Beschäftigte. © Frieder Dino/​plainpicture

_Nur noch [45 Prozent](http://Die%20Lebenszufriedenheit%20der%20deutschen%20Besch%C3%A4ftigten%20ist%20im%20weltweiten%20Vergleich%20deutlich%20gesunken.%20Nur%20noch%2045%20Prozent%20f%C3%BChlen%20sich%20zufrieden%20und%20zuversichtlich,%20das%20sind%20acht%20Prozentpunkte%20weniger%20als%20im%20Vorjahr.) der Beschäftigten in Deutschland sind laut einer Gallup-Studie mit ihrem Job zufrieden. Viele überlegen, ob sie kündigen sollten. Manchmal kann genau das die Lösung sein._  

"Zwölf Jahre in einem Unternehmen zu arbeiten, bindet, auch psychisch"
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_André Stöber\*, 43 Jahre, Maschinen- und Anlagenführer _

>Es war im vergangenen Jahr, als Freunde und Familie zu mir sagten: "Du musst gehen! Das bringt nichts mehr. Du machst dich da nur kaputt." "Da", das war mein Job in einem Fleischwarenbetrieb, den ich zwölf Jahre lang gemacht habe. Anfangs waren die Kolleginnen und Kollegen wie meine Familie und ich ging gerne zur Arbeit. Das änderte sich, als meine Firma von einem Konzern übernommen wurde.

Offen kommuniziert wurde nichts, aber die Veränderungen waren spürbar: So wurde beispielsweise versucht, die Arbeitsabläufe in den verschiedenen Abteilungen so aneinander anzupassen, dass wir Mitarbeitenden überall eingesetzt werden konnten. Eine Schablone quasi, die Personalkosten einsparen sollte. Zumal es sich um eine Konzerngruppe handelte. Heißt: Ein Mitarbeiter konnte nicht nur kurzfristig in eine andere Abteilung geschickt werden, sondern auch in ein anderes Werk. Wenn Mitarbeiter ausschieden, kamen keine neuen nach.

> Es kam vor, dass ich meine Frau, die ebenfalls berufstätig ist, eine Woche lang nicht sah.

André Stöber

>Das Arbeitsklima machte vielen meiner Kolleginnen und Kollegen Angst. Sie befürchteten, ihren Job zu verlieren. Das Familiengefühl wich einer verräterischen Stimmung. Jeder versuchte, sich selbst zu retten. Ich war zu diesem Zeitpunkt stellvertretender Schichtleiter und übernahm mehr und mehr zusätzliche Aufgaben: Rohware bereitstellen, Produkte verladen, Maschinendaten analysieren.

Ich hatte immer gern gearbeitet, aber <mark>allmählich</mark> wurde es mir zu viel. In immer weniger Zeit sollten die gleichen Mengen hergestellt werden. Und nicht nur die Zeit wurde weniger, auch das fähige Personal. **Manche Kollegen** verstanden kein __Deutsch__, mit ihnen konnte ich nicht wirklich kommunizieren. Wenn der Schlosser-Kollege fehlte oder kein Elektriker vor Ort war, musste ich mich selbst kümmern. Die späte Schicht begann um 14.30 Uhr und endete manchmal erst um halb eins – je nachdem, wie viel Mehraufgaben ich zu übernehmen hatte. [h1]Meine Kinder waren damals[/h1] noch im Kindergartenalter, das heißt, ich stand morgens um sechs Uhr wieder auf.

***eine Frau**, die ebenfalls berufstätig ist, eine Woche lang nicht sah. Ich bekam Migräne, was ich zuvor nie hatte. Auch einen Bandscheibenvorfall erlitt ich. Ich arbeitete und arbeitete. Meine Bezahlung blieb jedoch gleich, mein Wunsch nach mehr lehnte der Betriebsleiter ab.

Zwölf Jahre in einem Unternehmen zu arbeiten, bindet einen, auch psychisch. Ich war lange dabei und hatte das Gefühl, dass der Konzern nicht ohne mich kann. War ich mal nicht im Werk oder beendete eine Schicht pünktlich – wissend, dass Aufgaben offen waren –, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich kam morgens auch mal früher oder arbeitete länger, anstatt Zeit mit meiner Familie zu verbringen oder Freunde zu sehen.

Doch irgendwann drangen die Worte meiner Frau, meiner Familie, meines sozialen Umfelds zu mir durch: Ich begriff, dass ich gehen musste – damit es mir besser gehen würde. Ich wechselte in einen kleineren Betrieb. Dass ich 250 Überstunden angesammelt hatte, zahlte sich nun aus: Ich konnte den Konzern direkt verlassen, die Kündigungsfrist betrug vier Wochen.

> Als ich meinen Arbeitsplatz verließ, fühlte ich mich glücklich.

André Stöber

Zu kündigen war eine gute Entscheidung. Als ich meinen Arbeitsplatz verließ, fühlte ich mich glücklich. Ich habe drei Kinder, als Familie leben wir in einem Mietshaus. Viele, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich, haben Angst, ihren Job aufzugeben. Seit ich gekündigt habe, weiß ich: Man muss keine Angst vor diesem Schritt haben, sondern nur vor dem, was einen auf Dauer krank macht.

Im neuen Job in einem Tierfutterwerk arbeite ich eigenverantwortlich, die Schichten sind sehr familienfreundlich. Am Abend bin ich immer zu Hause bei meiner Familie. Beginnt die Schicht morgens erst um halb neun, kann ich sogar noch meine Kinder wegbringen. Im gesamten vergangenen Jahr habe ich, glaube ich, nur einmal samstags gearbeitet. Klar, ich mache auch mal Überstunden, im Gegensatz zu früher bekomme ich diese Stunden jedoch ausgezahlt. Und ich weiß, dass es eine Ausnahme ist. Im Schnitt verdiene ich im Monat rund 400 Euro mehr als früher. Das Wichtigste für mich ist jedoch, dass ich nun mehr Zeit für meine Familie habe.    

"Ich will Vorgesetzte, die ihre Grenzen kennen"
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_Marlene Sauerle\*, 34, Wissenschaftliche Mitarbeiterin_ 

Mein Hauptgrund, zu kündigen, war meine Chefin. Denn für sie existiert die Grenze zwischen Job und Privatem überhaupt nicht. Für sie gab es keinen Feierabend und auch keine Auszeiten, nicht mal zum Arzt ist meine ehemalige Chefin gegangen, in der Zeit, in der ich mit ihr zusammengearbeitet habe. Die gleiche Einstellung hat sie auch von uns Mitarbeitern erwartet. Gleichzeitig hat sie manchmal stundenlang im Büro über private Themen gesprochen. Mir fiel es schwer, sie zu unterbrechen, da ich sie nicht kränken wollte.  

Eigentlich hat mir mein Job als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Hochschule Spaß gemacht – inhaltlich zumindest. Meine Aufgabe, so wie sie im Vertrag stand, war es, Begleitveranstaltungen für Studiengänge zu organisieren, Vorlesungen vorzubereiten oder Material für die Studierenden zu beschaffen.  

> Unsere Chefin hat weit mehr verlangt, als möglich war.

Marlene Sauerle

Doch unsere Chefin hat noch weit mehr verlangt, als in den 20 Stunden, die ich wöchentlich gearbeitet habe, möglich war. Sie ist davon ausgegangen, dass wir selbstverständlich mehr arbeiten. Ich hätte auch gerne mehr gearbeitet, aber nur bezahlt. Mein Wunsch, die Stunden zu erhöhen, wurde nie ernst genommen. Ich habe meine Vorgesetzte mehrfach darum gebeten, später bin ich auch mal zum Präsidenten der Universität persönlich gegangen. Immerhin hätte ich einen unbefristeten Vertrag, hieß es dann. Doch was bringt mir ein unbefristeter Vertrag, wenn ich nicht genug verdiene, Überstunden machen soll und trotz Teilzeit immer erschöpft nach Hause komme?  

Für mich war klar, dass ich kündigen muss, als meine Chefin anfing, von uns als Familie zu sprechen, die viele Jahrzehnte zusammenbleibt. Damals hatte mein Kollege in einem Gespräch angedeutet, dass er nach anderen Jobs schaue, da war unsere Chefin tief enttäuscht und sagte, dass sie davon ausgehe, dass wir mindestens die nächsten zehn Jahre zusammen verbringen werden. In dem Moment war ich sprachlos. Ihre Aussage habe ich als sehr grenzüberschreitend empfunden und wusste, das halte ich emotional nicht aus. Ich fühlte mich nicht nur für meine Arbeit verantwortlich, sondern auch für das Wohlbefinden meiner Chefin.

> Im Kündigungsgespräch habe ich mich allerdings nicht getraut, die wahren Gründe für mein Gehen zu nennen.

Marlene Sauerle

Im Kündigungsgespräch habe ich mich allerdings nicht getraut, die wahren Gründe für mein Gehen zu nennen. Stattdessen habe ich erklärt, dass ich aus persönlichen Gründen nicht langfristig in dieser Stadt arbeiten wolle. Meine eigentliche Kritik hat so viel mit der Persönlichkeit meiner Chefin zu tun, das wollte ich ihr nicht antun. Als ich es hinter mir hatte, war ich unheimlich erleichtert. Auch wenn ich nun erst mal arbeitslos bin.

Für meinen nächsten Job sind mir zwei Dinge wichtig: ein Tarifvertrag, und ich will Vorgesetzte, die ihre Grenzen kennen. Ich bin optimistisch, dass ich etwas finde. Wenn es an der Uni nicht klappen sollte, kann ich mir auch vorstellen, in die Jugendarbeit oder Gewaltprävention zu gehen. Im öffentlichen Dienst sind die Bedingungen von vornherein deutlich besser.