[Trump-Unterstützer: Lust auf Rache | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-03/donald-trump-unterstuetzer-wirtschaftpolitik-liberalismus/komplettansicht)

 "Ich bin eure Rache", hat [Donald Trump](https://www.zeit.de/thema/donald-trump) seinen Anhängern geschworen: _"I am your retribution."_ Der Schwur verfängt: Seither ziert er Kaffeetassen, prangt auf Pick-ups und schwirrt als Erkennungszeichen rechter Gruppen durch das weltweite Netz. Und er wirkt, seit Tag eins: Seitdem er im Amt ist, überzieht der Präsident Gegner, Abtrünnige und Unbeugsame mit Vergeltung. Er kündigt Unliebsamen, streicht deren Sicherheitspersonal, überzieht sie mit Klagen, stampft Budgets ein, schleift ganze Institutionen, säubert Behörden und besetzt Ämter mit willfährigen Günstlingen. Oder es wird für fehlende Unterwürfigkeit Rache genommen. Etwa durch öffentliche Demütigung, [wie sie jüngst dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus widerfuhr](https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-03/usa-europa-trump-neue-normalitaet).

Das Rachemotiv hilft, Licht in die Gründe für Trumps Erfolg zu bringen. Und in die Motivlage seiner Anhänger. Denn die Rolle als Rächer macht alle Widersprüche vergessen: Evangelikale unterstützen einen Präsidenten, der als der heidnischste von allen in Amerikas Geschichte gilt. Migranten gaben ihm ihre Wahlstimme, obwohl seine Unbarmherzigkeit gegen sie seinesgleichen sucht. Erzkonservative Frauen schwören einem Ehebrecher und Sexisten die Treue. Und dann erst einmal die _working class_, die Abgehängten, Deklassierten und Verbitterten: Sie sind die treuesten Anhänger von jemandem, der offenkundig den Umgang mit den Superreichen bevorzugt. Rache ist der Grund, weshalb ihm trotz aller Unvereinbarkeiten die Herzen zufliegen. Die Frage ist nur, warum? Was ist Rache?  

Rache ist vor allem die Vergeltung von Gewalt durch Gewalt. Erlittenes Leid wird mit Leiden vergolten, das anderen angetan wird. Diese Rache zählt zu den großen Themen der Religionen. Im Christentum ist sie, wie es im Brief an die Römer heißt, allein Gott vorbehalten. Vor allem aber ist sie in der Kunst ein immer wiederkehrendes Motiv. Bereits Homer beschreibt in der _Ilias_, wie Achill im Kampf um Troja den Tod Hektors vor aller Augen auf grausamste Weise rächt. In den Dramen von William Shakespeare geht es ständig um Rache. Auch im Film ist die Rache ein beliebtes Motiv; im klassischen Western ebenso wie in der [populären Serie _Yellowstone_](https://www.zeit.de/kultur/film/2023-03/yellowstone-serie-kevin-kostner-republikaner), in der sie von Beth Dutton, der Tochter des Ranchers John Dutton, verkörpert wird. Die Ranch und ihre Bewohner werden als das Modell einer Vergeltungsgesellschaft in Szene gesetzt, die sich gleichermaßen von Neoliberalismus, Anarchismus und Liberalismus absetzt. Solche Gesellschaften folgen dem Code der Rache. Sie vergelten Gewalt mit Gewalt.

Das ist ein Schock. Denn die aufgeklärte moderne Gesellschaft hatte gehofft, sie könne die Politik von Rachefantasien freihalten und in die Kunst auslagern. Anstatt sie in der Realität auszuleben, sollten sie in der Gedankenwelt verbleiben. Doch nun verschiebt sich etwas. Wir sehen, wie der Unterschied zwischen ästhetischer Einbildungskraft und politischer Gesetzeskraft eingeebnet wird. Rache ist nun in der Politik beheimatet. Und sie geht über das Auftreten ähnlicher Gefühle im Alltag wie Schadenfreude, Häme und Neid hinaus. Ebenso wenig bleibt Rache auf den juristischen Bereich des Strafrechts beschränkt. Vielmehr hält Rache jetzt Einzug in den politischen Bereich der Gesetzgebung, der Staatsmacht und der Verteilungskompetenz. Das ist verstörend: Eine Politik der Rache fällt hinter die modernen Errungenschaften des liberalen Gleichheitsprinzips von Demokratie und Rechtsstaat zurück.  

Legitimation für Gewalt
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Und welche Merkmale hat die Rache in der Geschichte des Denkens? Es sind vier. Erstens ist sie eine Gestalt der Gerechtigkeit; davon handelt eindrücklich Aischylos' Tragödie der _Orestie_. Im Allgemeinen wird unter gerecht verstanden, dass jemand das hat, was er verdient. Rache verdient jemand dann, wenn damit ein Übel vergolten wird, das er anderen angetan hat. Gerecht ist hier, wer Vergeltung übt. Die Berufung auf gerechte Rache verschafft also der Gewalt, die in ihrem Namen verübt wird, eine Legitimation.  

Eine begangene Untat wird dabei mit Rache beglichen. Sie gehört deshalb, so eine nach wie vor gültige Unterscheidung von Aristoteles, zur Familie der ausgleichenden Gerechtigkeit. Gleiches wird mit Gleichem beglichen. Zu derselben Familie gehört auch der Tausch oder, in neumodischem Jargon, der Deal. Rache und Deal sind Geschwister im Geiste. Ebenso die Gratifikation, mit der etwa Loyalität belohnt wird. Sie alle gehorchen derselben Logik eines vermeintlich gerechten Ausgleichs.  

Rache dient zweitens der Wiederherstellung eines alten Zustands. Mit ihr soll beispielsweise die Ehre wiederhergestellt werden, die jemandem geraubt wurde. Das Verlorene – seien es Ehre, Status oder Privilegien – wird durch Vergeltung wieder eingesetzt. Rache gehört somit zum Inventar eines restaurativen Weltbildes. Gerächt wird stets der Verlust von etwas, das wiedergewonnen werden soll; etwa Macht, eine Werteordnung oder kulturelle Identität. Die heilende Kraft der Rache zielt darauf, Verlorenes wieder instand zu setzen. Es überrascht deshalb wenig, dass die MAGA-Parole, Amerika groß zu machen, erst in dem Moment zündete, als sie mit einem "wieder" ergänzt wurde. Wiedergewonnen werden soll eine Gesellschaft, die ihrer vermeintlichen Natur entspricht, ihrem tieferen Wesen. Sie wird dabei nicht, wie in Demokratien üblich, durch eine mögliche Beteiligung aller Betroffenen ermittelt. Vielmehr steht sie als natürliche Ordnung immer schon fest.  

Der Pakt von Außenseitern und Eliten
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Eine retributive Weltsicht lebt drittens von der Konstruktion eines "anderen", der Schuld trägt und Strafe verdient. Denn, so das Argument, wo Unrecht durch Rache gesühnt wird, muss es zwangsläufig einen Schuldigen geben, der sie verdient hat. Den "anderen" wird somit die Rolle von Fremden, Delinquenten oder Feinden zugeschrieben, die für einen Missstand verantwortlich sind. Anstatt es auf soziale oder wirtschaftliche Strukturen zurückzuführen, personalisiert Rachedenken das Unrecht. Dadurch schürt es sogenannte retributive Gefühle wie Ressentiment, Hass und Wut.  

Rache wird viertens als eine Selbstermächtigung vollzogen. Der Rächer fügt sich nicht in die Rolle, Leid nur zu erleiden. Indem er selbst Leid zufügt, verwandelt sich Erleiden in Handeln. Er befreit sich aus der Ohnmacht erlittenen Unrechts, indem er die Gerechtigkeit selbst in die Hand nimmt, anstatt sich auf staatliche Institutionen, vor allem Gerichte, zu verlassen. Der Regelbruch bekräftigt die Selbstermächtigung. So erzählt der Roman _Der Graf von Monte Christo_ von der Vendetta eines Gepeinigten, der ohne Rücksicht auf Gesetze eigenhändig für Gerechtigkeit sorgt und die Verantwortlichen bestraft. Die ästhetische Erfahrung dieser Selbstermächtigung, die im Roman oder Film dargestellt wird, bereitet einen Lustgewinn. Dass sie sich dabei in der Imagination der Kunst abspielt, macht allerdings den Unterschied aus zur politischen Weltbühne, auf die die Rache nun mit Macht aus der Kunst ausgewandert ist.  

Ebendieses Versprechen auf Selbstermächtigung erklärt, warum Trumps Racheschwur verfängt. Es richtet sich primär gegen die liberale Ordnung und verschmilzt die Eliten mit den Außenseitern. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat die amerikanische Wählerschaft in drei soziale Gruppen aufgeteilt: die Außenseiter, die trotz ihrer Arbeitsbereitschaft für sich keine wirtschaftliche Zukunft sehen; die Etablierten, deren Leistung durch Aufstieg belohnt wird; und die Eliten, das heißt die Milliardäre und Celebritys, die durch Erbschaften, Aktien- und Immobilienbesitz sowie durch Aufmerksamkeitsökonomien zu ihrem oft leistungslosen Reichtum gelangen. Die Etablierten wählten vorwiegend die Demokratische Partei, die Außenseiter und Eliten hingegen die Republikaner.  

Dieser Schulterschluss zwischen Armen und Superreichen erscheint zunächst rätselhaft. Denn beide Gruppen teilen keineswegs gemeinsame Interessen. Im Gegenteil, der Abstand auf der sozialen Leiter zwischen denen, die oben und die unten stehen, könnte kaum größer sein. Was also überbrückt diesen Interessenkonflikt und verbindet Außenseiter mit Eliten? Es ist das Verlangen nach Rache an einer liberalen Ordnung, die ihnen gleichermaßen im Wege steht.  

Verblasste Verheißung einer fernen Vergangenheit
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Mit anderen Worten: Die Eliten nehmen Rache am Staat, der im Namen von Gleichheit nach ihren Privilegien trachtet. Reichtum, Einfluss und Aufmerksamkeit stünden ihnen, so ihr Selbstbild, ungeteilt zu. Ein Staat, der ihnen hingegen demokratische Regeln vorschreibt oder gar Umverteilung organisiert, wird als Kränkung wahrgenommen. Für diese Kränkung sinnen sie auf Rache. Sie tun alles, um Regulierungen, Steuergesetze und demokratische Kontrolle abzubauen. Also alles, was ihr Geld auf dem Weg zu noch größerer Geldvermehrung behindert.

[Die Außenseiter machen sich indes oft keinerlei Illusionen darüber, vom Geldadel aus der Armut befreit zu werden](https://www.zeit.de/kultur/2024-10/arlie-russell-hochschild-donald-trump-us-wahl-soziologie). Tatsächlich beschleunigt die Deregulierung sogar die Umverteilung von unten nach oben. Mit der Senkung von Steuern versiegen zudem die Quellen, aus denen sich öffentliche Investitionen für Infrastrukturen, Arbeitspolitik, Gesundheit und Bildung speisen. Und durch die Schwächung demokratischer Kontrolle wird die Ohnmacht der Wähler zusätzlich zementiert.  

Warum also handeln so viele aus den ärmeren Bevölkerungsschichten gegen ihre Interessen und wählen einen Präsidenten der Oberschicht? Der Grund dafür, ihn wider besseres Wissen zu unterstützen, liegt in der Aussicht auf Rache an einer liberalen Ordnung, die ihnen den versprochenen Aufstieg verwehrt. Wissenschaftler, wie Thomas Piketty und Michael Sandel, und Sozialpolitiker beobachten seit Langem, dass es in der amerikanischen Gesellschaft zunehmend schwieriger wird, sich nach oben zu arbeiten. Aufstiegschancen wachsen, wie sie nachweisen, weniger durch harte Arbeit als durch ererbten Besitz an Aktien, Immobilien und Patenten. Zuversicht, Anstrengung und Risikobereitschaft reichen deshalb nicht mehr aus, um sich wirtschaftlich und sozial zu verbessern. Das Versprechen auf ein selbstbestimmtes Leben flackert somit nur noch als die verblasste Verheißung einer fernen Vergangenheit auf.  

Hinzu kommt die chronische Abwertung, die den Außenseitern widerfährt. Die soziale Wertschätzung, aber auch die Selbstachtung hängt von der Leistung ab, mit der man sich einen besseren Platz in der sozialen Ordnung erarbeitet. Bleibt diese Verbesserung aus, wird auch nicht die Leistung anerkannt. Geringschätzung ist unvermeidlich die Folge. Ganz gleich, wie sehr sich jemand müht und wie wichtig seine Tätigkeit für die Gesellschaft ist: Man bleibt beklagenswert. Dabei gilt der Status, den man in der Leistungsgesellschaft einnimmt, als durchaus verdient. Wer den Aufstieg nicht schafft, ist daran selbst schuld.

Die große Umwertung
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Trumps Angebot, Rache zu üben, fällt bei den Abgehängten auf fruchtbaren Boden. Wenn alle Aufstiegsträume zerplatzen, dann wächst die Sehnsucht nach dem Rächer, der sie aus ihrem trostlosen Leben befreit. Er gibt ihnen das Gefühl, die Gerechtigkeit auf ihrer Seite zu haben. Ihr Ausschluss aus der Aufstiegsgesellschaft wird, so scheint es ihnen, durch den gerechten Abstieg des liberalen Establishments vergolten. Mit Rache geht deshalb auch eine Umwertung einher. Wer einst als beklagenswert galt, ist nun rehabilitiert, während die liberale Welt in Verruf gerät.  

Rache, so lässt sich festhalten, vereint das scheinbar Unvereinbare: Der Rachefeldzug der Finanzaristokratie gegen den demokratischen Rechtsstaat verschärft eine soziale Ungleichheit, auf deren Boden das Rachebedürfnis der Außenseiter gedeiht. Es scheint paradox zu sein: Je weiter Eliten und Außenseiter auseinanderdriften, desto enger verschmelzen sie in ihrem Ansinnen nach Rache am Liberalismus.  

Schon in den ersten Wochen der Trump-Regierung wird schockierend klar: Dem Rachefeldzug gegen den Liberalismus fallen dabei auch seine Errungenschaften zum Opfer. Demokratische Kontrolle, um nur eine zu nennen, setzt Grundrechtsgarantien, Verfahrensregeln, unabhängige Gerichte, eine parlamentarische Pluralität und politische Öffentlichkeit voraus. Sie sollen verhindern, dass Amtsträger ihre Macht zum eigenen Vorteil gebrauchen. Ihre Schwächung spielt eigentlich nur den Upperclass-Imperatoren in die Hände, die die Profiteure des Rachefeldzugs sind. Und das nicht nur in den Vereinigten Staaten.