Woran denken Sie beim Stichwort "reproduktive Selbstbestimmung"? Mit hoher Wahrscheinlichkeit an das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen. Kein Wunder, denn darum drehen sich gefühlt 99 Prozent der politischen und gesellschaftlichen Debatten. <mark>Dabei ist das Recht, über das Ende einer Schwangerschaft zu verfügen, nur ein Teil. Der andere betrifft den Anfang einer Schwangerschaft.</mark>  

Stellen Sie sich einmal vor, Sie oder Ihre ``Partnerin wollen unbedingt schwanger werden. Es klappt lange nicht. Sie gehen ins Kinderwunschzentrum und bekommen dort einen Kostenvoranschlag. Für eine In-vitro-Befruchtung (IVF) mit vorheriger hormoneller Stimulation und Operation werden um die 4.000 Euro fällig. Sie sind nicht verheiratet? Dann zahlen Sie die gesamte Summe bitte selbst. Sie sind als Frau schon 40 Jahre alt oder als Mann 50, single, oder Sie brauchen eine Samenspende, weil Sie ein lesbisches Paar sind oder die eigene Spermienqualität zu schlecht ist? Dann bitte auch. Vergessen Sie dabei nicht, dass Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als eine Behandlung brauchen und am Ende schnell ein fünfstelliger Betrag zusammenkommt. 

<mark>Wie selbstbestimmt fühlt sich das mit der Reproduktion nun an? Und wie sozial gerecht? Und wie frei verfügen Sie über Ihren Körper, wenn der Staat Ihnen verbietet, Ihre Eizellen zu spenden, etwa einer unfruchtbaren Freundin oder Cousine? Wie so vieles andere in der Fortpflanzungsmedizin ist das in den meisten unserer Nachbarländer erlaubt. In Deutschland kommt es selbst dann nicht infrage, [wenn Sie Eizellen schon einmal für sich selbst entnommen und für eine mögliche spätere Umsetzung des Kinderwunsches eingefroren haben](https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2023-09/social-freezing-kinderwunsch-eizellspende-kryokonservierung-solomutterschaft).</mark>  

## Ungewollte Kinderlosigkeit betrifft viele

Dass die meisten unter reproduktiver Selbstbestimmung lediglich das Recht verstehen, auf Kinder zu verzichten, nicht aber, eines auch unter schwierigeren Umständen zu bekommen, ist eigentlich erstaunlich. Denn ungewollte Kinderlosigkeit ist als Phänomen viel größer als die politische Aufmerksamkeit darauf. Etwa [zehn Prozent aller Paare](https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/schwangerschaft-und-kinderwunsch/ungewollte-kinderlosigkeit/hilfe-und-unterstuetzung-bei-ungewollter-kinderlosigkeit-76012) zwischen 25 und 59 Jahren sind in Deutschland ungewollt kinderlos, und [ihr Leidensdruck ist hoch](https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7091-6852-3_42). Die deutschen Kinderwunschzentren vermeldeten im vergangenen Jahr knapp 128.000 Behandlungszyklen, demgegenüber standen 106.000 Schwangerschaftsabbrüche.  

Mit dem Start der Ampel sah es einen Moment lang so aus, als würde reproduktive Selbstbestimmung endlich politisch weiter gedacht: [In ihrem Koalitionsvertrag](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/K/Kom-rSF/Kurzbericht_Kom-rSF.pdf) hatten SPD, Grüne und FDP sich unter diesem Schlagwort nicht nur darauf verständigt, das Selbstbestimmungsrecht von Frauen rund um den Schwangerschaftsabbruch zu stärken und es Krankenkassen zu ermöglichen, Verhütungsmittel zu erstatten. Sondern auch, ungewollt Kinderlose besser zu unterstützen.  

<mark>Die Pläne waren für deutsche Verhältnisse revolutionär: Die Ampel wollte künstliche Befruchtung auch dann förderfähig machen, wenn dafür Spendersamen genutzt werden, und zwar unabhängig vom Familienstand, der sexuellen Identität oder einer medizinischen Indikation. Sie wollte die Kosten für mehr Behandlungszyklen übernehmen; aktuell tragen die Krankenkassen in der Regel 50 Prozent der Kosten von maximal drei Versuchen (wenn die Frau unter 40 Jahre, der Mann unter 50 Jahre alt ist). Diese Beschränkungen sollten überprüft und perspektivisch die vollen Kosten übernommen werden, so wie es vor 2004 schon einmal der Fall war.</mark> Die Legalisierung der [Eizellspende](https://www.zeit.de/2024/42/eizellspende-grossbritannien-kinder-entwicklung-kuenstliche-befruchtung) und der [altruistischen Leihmutterschaft](https://www.zeit.de/2022/29/leihmutterschaft-frauen-verbot-freiheit) wollte die Koalition von einer wissenschaftlichen Kommission prüfen lassen.  

## Fehlgeburten, die sich vermeiden ließen

Die Krankenkassen hätten nach den Wünschen der Ampel auch die Kosten der Präimplantationsdiagnostik (PID) übernommen. Diese genetische Untersuchung eines nach künstlicher Befruchtung gezeugten Embryos schränkt das Embryonenschutzgesetz von 1991 ebenfalls stark ein. Nur wenn mindestens ein Elternteil von einer schweren Erbkrankheit weiß, kann eine PID beantragt werden, eine Ethikkommission muss die Erlaubnis dafür erteilen. 

In anderen Ländern erfolgt die PID standardmäßig: Von mehreren Embryonen wird einer Frau derjenige mit der höchsten Überlebenschance eingesetzt. Denn für 50 bis 70 Prozent der Frühaborte sind schwerwiegende Fehler im Chromosomensatz verantwortlich. In Deutschland nimmt man sie in Kauf, an ihnen ist ja "die Natur" schuld oder der liebe Gott. Dabei ließen sie sich mithilfe der Diagnostik vermeiden.

Bis heute schützt das Gesetz wenige Tage alte Embryonen, die aus ein paar Zellen in der Petrischale bestehen, besser als weiter entwickelte ungeborene Babys im Mutterleib. Vermeidbare Fehlgeburten verursachen nicht nur [viel zusätzlichen Schmerz bei Menschen, die ohnehin schon lange unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch leiden](https://www.zeit.de/2020/06/kinderwunsch-kuenstliche-befruchtung-schwangerschaft-tabuthema); sie erhöhen auch die Zahl der nötigen Behandlungen.   

## Höhere Risiken für Mutter und Kind

Das Gleiche gilt für eine weitere deutsche Besonderheit: Damit keine Auswahl von Embryonen stattfindet oder welche übrig bleiben, dürfen während einer Hormonstimulation eigentlich nur so viele von ihnen erzeugt werden, wie der Frau im selben Zyklus wieder eingesetzt werden sollen. Weil sich bei einer IVF aber nicht komplett steuern lässt, wie viele Eizellen in der Petrischale befruchtet werden und sich weiterentwickeln, werden vielen Frauen statt eines Embryos gleich zwei oder sogar drei eingesetzt. Die Chancen auf ein Kind steigert das kaum. Aber es führt zu vielen Mehrlingsschwangerschaften – die wiederum die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind deutlich steigern. Freie Entscheidung über den eigenen Körper? Fehlanzeige.  

Beim sogenannten *elective single embryo transfer* wird der Frau hingegen nur ein Embryo eingesetzt. Selbst ohne eine genetische Untersuchung kann dabei der allein von der Zellstruktur her vielversprechendste ausgewählt werden, die anderen lassen sich für weitere Versuche einfrieren. In der Praxis geschieht das immer häufiger, auch wenn Ärzte sich damit in eine rechtliche Grauzone begeben. Die Ampel wollte diese Möglichkeit ausdrücklich zulassen.   

## Die Union fördert vor allem die Institution Ehe

Eine Koalition ohne Beteiligung der Union, die von jeher vor allem die Institution Ehe finanziell fördert und wenig Verständnis für andere Modelle als Vater-Mutter-Kind aufbringt, war eine historische Chance, die verkrustete deutsche Gesetzgebung rund um die Reproduktionsmedizin aufzuweichen und Familien aller Art zu fördern. Doch während der rot-grüne Rest der aktuellen Regierung noch in letzter Minute versucht hat, [Mehrheiten für die Abschaffung des Paragrafen 218](https://www.zeit.de/politik/2024-12/schwangerschaftsabbruch-bundestag-paragraf-218-reform) zu beschaffen, hat sich auch in der Ampel bis zum Schluss kaum jemand für die ungewollt Kinderlosen eingesetzt. Zum Herzensprojekt hat keine Partei ihre Belange gemacht.  

Wahrscheinlich hat das auch mit dem Tabu und der Scham zu tun, die das Thema nach wie vor umgeben. Menschen mit Fruchtbarkeitsproblemen [fühlen sich oft als Versager](https://www.zeit.de/2024/03/kinderwunsch-fehlgeburt-verhuetung-fruchtbarkeit). Und wer sich gerade in Kinderwunschbehandlung befindet, bringt selten die psychischen Ressourcen für einen politischen Kampf auf. Ist das Kind endlich da, wird die Phase gern schnell wieder verdrängt.  

Das ist nicht nur tragisch für viele Betroffene, bei denen die Erfüllung ihres [Kinderwunsches](https://www.zeit.de/thema/kinderwunsch) auch am Geldbeutel, an ihrer sexuellen Orientierung oder ihrem Familienstand scheitert. Es ist sogar volkswirtschaftlich dumm.  

Denn Deutschland gehen die Kinder aus und es überaltert immer mehr. Die [Geburtenquote ist 2023 auf den tiefsten Stand seit 2009 gesunken](https://www.demografische-forschung.org/artikel/2024/2/1), sie liegt nur noch bei 1,3 Kindern pro Frau. Um die Bevölkerung stabil zu halten, bräuchte es 2,2. Und das Problem wird immer größer, weil die Menschen immer später Kinder bekommen. Waren Frauen in den Siebzigerjahren bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 25 Jahre alt, so sind sie heute 30,3 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt sinkt die weibliche Fruchtbarkeit bereits, ab 35 beschleunigt sich der Prozess rapide.   

## Bis die Realität einsickert, verstreicht wertvolle Zeit

Es dauert jedoch häufig eine Weile, bis Paare merken, dass es nicht auf natürlichem Wege klappt, schwanger zu werden – was wiederum ihre Chancen verschlechtert, selbst mit Nachhilfe noch eines zu bekommen. Das Gleiche gilt für diejenigen Menschen, die ein alternatives Familienmodell wählen, etwa [Co-Elternschaft](https://www.zeit.de/arbeit/2024-07/co-parenting-modell-kindererziehung-freunde-eltern-partner), in der sie ein Kind gemeinsam ohne Liebesbeziehung aufziehen, oder [Solomutterschaft mithilfe einer Samenspende](https://www.zeit.de/gesellschaft/2023-08/solomutterschaft-einseitiger-kinderwunsch-beziehung). Viele von ihnen haben zuvor lange auf den richtigen Partner gewartet.   

Keine Frage: Mehr Geld für assistierte Reproduktion und eine liberalere Gesetzgebung könnten den demografischen Wandel nicht im Alleingang stoppen. Aber sie könnten zumindest helfen, ihn etwas abzubremsen. Wie sehr beispielsweise eine Erhöhung des Kindergelds die Menschen dazu bewegt, mehr Kinder zu bekommen, ist zweifelhaft. Die Pläne der Ampel hingegen hätten zielgenau denjenigen geholfen, die bereits hoch motiviert sind, Kinder zu bekommen – ein simpler und zielgenauer Geburtenbooster.   

In Dänemark übernimmt der Staat schon seit Jahren für das erste Kind die vollen Kosten für drei IVF, auch für Solomütter und homosexuelle Paare, ebenso wie die ebenfalls hohen Kosten für das Einfrieren und Lagern von Embryonen. Ende dieses Jahres wurde die Zahl sogar auf sechs IVF erhöht und auf ein zweites Kind ausgedehnt. Die Eizellspende ist erlaubt, wie übrigens überall in der EU, nur nicht in Deutschland und Luxemburg. Die Folge: [Fast sechs Prozent eines Geburtenjahrgangs in Dänemark gehen auf assistierte Reproduktion zurück. In Deutschland sind es nur drei Prozent](https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553092/demografische-bedeutung-der-nutzung-medizinisch-assistierter-reproduktion/). Immerhin sitzen statistisch auch hierzulande schon in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder, die mithilfe künstlicher Befruchtung entstanden sind.  

## 24.000 kleine Steuerzahler für das Land

Wenn man davon ausgeht, dass sich bei einem besseren Zugang zu Kinderwunschbehandlungen ihr Anteil auch in Deutschland verdoppelt, würden hierzulande jedes Jahr mindestens 24.000 Kinder mehr geboren. Siehe Dänemark, aber auch Österreich, wo die finanzielle Unterstützung großzügiger ist und der Anteil an den Geburten bei sechs Prozent liegt. Diese Kinder könnten irgendwann als dringend benötigte Fachkräfte arbeiten und mit ihren Steuer- und Sozialleistungsbeiträgen das Gesundheitswesen und die wachsende Rentnerschar mitfinanzieren. Man müsste nur wollen.

*Transparenzhinweis: Die Autorin war als Selbstzahlerin in Kinderwunschbehandlung. Ihr Kinderwunsch* *ist* *bereits erfüllt, sie erhofft sich keine staatliche* *finanzielle Unterstützung für sich selbst.*