[Sylvia Sasse: "Autokraten wollen uns ihre verkehrte Welt aufzwingen" | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/kultur/2025-02/sylvia-sasse-verkehrung-gegenteil-populismus-desinformation)

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© Federico Yankelevich für ZEIT ONLINE

Populisten haben derzeit eine Lieblingsstrategie: die Verkehrung ins Gegenteil. Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sasse erklärt, warum darauf so viele Menschen reinfallen.

18\. Februar 2025, 17:02 Uhr

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_Wir leben in Zeiten, die Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in _[_dieser Serie_](https://www.zeit.de/serie/worueber-denken-sie-gerade-nach) _Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Heute antwortet die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sasse.  
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Sylvia Sasse ist Professorin für Slawistische Literaturwissenschaft und Mitbegründerin des Zentrums Künste und Kulturtheorie an der Universität Zürich sowie Herausgeberin des Onlinemagazins "Geschichte der Gegenwart". Ihr Buch "Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik" erschien 2023 bei Matthes & Seitz. © UZH

**ZEIT ONLINE:** Sylvia Sasse, worüber denken Sie gerade nach?   

**Sylvia Sasse:** Ich denke darüber nach, wie uns populistische Politiker und Autokraten gerade ihre verkehrte Welt aufzwingen wollen – und warum so viele Menschen darauf reinfallen.  

**ZEIT ONLINE:** Was meinen Sie mit verkehrter Welt?   

**Sasse:** Damit meine ich einen populistischen Masterplot, der sich gerade überall ausbreitet. In dieser verkehrten Welt behauptet etwa Wladimir Putin, Russland sei eine Demokratie. [US-Vizepräsident J. D. Vance sagt, er trete für Meinungsfreiheit ein](https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-02/j-d-vance-muenchner-sicherheitskonferenz-ukraine-ok-america). Trump versichert, er bekämpfe den Deep State. Und Alice Weidel betont, Hitler sei Kommunist gewesen. Dabei ist jeweils das genaue Gegenteil der Fall. Die verkehrte Welt der Populisten und Autokraten ist eine Erzählung von der Welt, in der alles um 180 Grad gedreht wird.   

**ZEIT ONLINE:** Nun könnte man sagen: Gelogen wurde in der Politik schon immer.   

**Sasse:** Es handelt sich hier aber nicht einfach um eine beliebige Lüge. Bei einer Verkehrung ins Gegenteil projiziert man auf den anderen das, was man selbst tut, während man sich gleichzeitig dessen Begriffe und Symbolik aneignet. Man kann das sehr gut an den Reden Putins sehen. In denen spricht er beispielsweise immer wieder davon, die EU sei eine Diktatur, in der es keine Meinungsfreiheit mehr gebe und überall Zensur herrsche. Bei Russland handele es sich hingegen um eine Demokratie, in der man "die universellen Werte des Friedens, der Gleichheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Freiheit achte" und sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmische und das Völkerrecht respektiere. All das, was er selbst ist und tut, überträgt Putin also auf Europa, während er sich das, wofür demokratische Länder in Europa stehen, im gleichen Atemzug sprachlich aneignet. Bei der Verkehrung ins Gegenteil handelt es sich stets um einen performativen Widerspruch: Man tut immer genau das Gegenteil von dem, was man sagt.  

**ZEIT ONLINE:** Dieser performative Widerspruch ist ja meist sehr offensichtlich. Warum verfängt diese Strategie dennoch?   

**Sasse:** Zum einen, weil viele Menschen nur die Reden von Politikerinnen und Politikern hören, ihre Taten aber ausblenden. Zum anderen, weil in den Reden positive Werte adressiert werden, mit denen sie sich identifizieren können. Nehmen Sie als Beispiel die Rede von J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz, in der er davon sprach, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. Da mag man zunächst denken: "Toll, für Meinungsfreiheit bin ich auch!" Aber man weiß dann anscheinend nicht, dass in den USA gerade in republikanisch geführten Bundesstaaten in den letzten Jahren 10.000 Bücher aus den Schulbibliotheken verbannt wurden und die Trump-Administration die Wissenschaftsfreiheit massiv attackiert. Das heißt: Wenn man keinen direkten Realitätsabgleich vornimmt, identifiziert man sich mit solchen Reden und versteht nicht, dass hier im Namen von Meinungsfreiheit gleichzeitig gecancelt und verboten wird. In Ländern wie Russland, wo die Verkehrung ins Gegenteil die einzig verbliebene Erzählung ist und gar keine freien Medien mehr existieren, gibt es indes noch einen weiteren Grund für das Verfangen dieser Strategie.  

**ZEIT ONLINE:** Welchen?  

**Sasse:** Dort hat die Verkehrung ins Gegenteil auch eine moralisch entlastende Funktion. Wenn Putin der russischen Bevölkerung erzählt, er führe einen Verteidigungskrieg gegen die faschistische Ukraine sowie gegen ein imperiales, diktatorisches Europa, können Menschen sich damit identifizieren. Sie müssen dann nicht auf die Straße gehen, um gegen ihre autokratische Regierung zu demonstrieren, sie können ihre ganze Wut gegen Repression, Imperialismus und sogar gegen den Krieg auf Europa projizieren. Die Verkehrung bietet auch die Möglichkeit einer Affektumkehr.  

**ZEIT ONLINE:** Mir fiel kürzlich eine Ausgabe der _Ostsee-Zeitung_ aus der Mitte der Achtzigerjahre in die Hände. In der DDR war die Zeitung SED-nah – und genauso las sich das auch: nur absurde Jubelmeldungen von Rekordernten und Spitzenproduktivität. Dabei wussten seinerzeit ja praktisch alle DDR-Bürger, dass das völlige Verdrehungen waren. Man musste lediglich aus dem Fenster gucken, um die Mangelwirtschaft zu sehen. Müssten deshalb nicht gerade Bevölkerungen, die diesen Zynismus des real existierenden Sozialismus erlebt haben, besonders sensibel für derartige Verkehrungen sein?  

**Sasse:** Ja, man könnte mit Blick auf Russland oder Ostdeutschland meinen, dass die Diktaturerfahrung die Menschen dazu befähigt, solche Verkehrungen als Allererste zu erkennen, sie müssten sofort verstehen, wie sehr Putin oder auch Trump lügt. Denn es stimmt ja: Man hat nicht geglaubt, wenn in der Zeitung stand, dass die Regale voll sind, man konnte schließlich im Konsum sehen, dass dem nicht so war. Aber: Trotz dieser konstitutiven Widersprüchlichkeit hat das System funktioniert. Die Menschen haben in der Verkehrung, die sie erkannt haben, gelebt. George Orwell nannte das die Fähigkeit zu "Doppeldenk". In Bezug auf die Gegenwart scheint aber etwas anderes noch entscheidender.  

**ZEIT ONLINE:** Was?    

**Sasse:** Zu viele Akteure wollen an den Verkehrungen ins Gegenteil mitverdienen, politisch und ökonomisch. Wenn Putin etwa die Propaganda verbreiten lässt, dass ukrainische Flüchtlinge dauerhaft in die deutschen Sozialsysteme einwandern wollten, dann wird das von rechtspopulistischen Kreisen, die von Migrationsangst politisch profitieren wollen, weiterverbreitet. Die gleichen Kreise, allen voran die AfD, kooperieren jedoch mit Putin. Diese Verkehrung wird in der Migrationsdebatte kaum thematisiert: Russland war in den letzten Jahren ein Hauptverursacher von Migration. Sei es durch den Krieg in der Ukraine, durch die massive Repression im eigenen Land, durch das Schleusen von Geflüchteten über die belarussische Grenze in die EU oder die militärische Unterstützung des Assad-Regimes. Überhaupt sind Autokratien und religiöser Fundamentalismus Auslöser und nicht etwa Lösung für Migration.