[Diversität und Nachhaltigkeit: "Woke" scheint sich nicht mehr zu lohnen | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-01/diversitaet-nachhaltigkeit-us-unternehmen-donald-trump-amazon-mcdonalds/komplettansicht) 

 Die Liste umfasst einige der größten US-Unternehmen und Banken: J.P. Morgan, Goldman Sachs, Citigroup, [Amazon](https://www.zeit.de/thema/amazon), McDonalds, Meta, Ford, Toyota. Sie alle haben sich innerhalb der vergangenen Wochen aus Nachhaltigkeitsprogrammen zurückgezogen oder erklärt, sie würden ihre Diversitätsstrategie überdenken.

Wochen, die zwischen dem [Wahlsieg Donald Trumps](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-11/wahlsieg-donald-trump-us-wahl-folgen-europa) und seiner Amtseinführung liegen. Ist dies nun das Ende einer Bewegung, in der sich seit etwa fünf Jahren Unternehmen und Banken zu mehr Klimaschutz, Vielfalt und Toleranz ausgesprochen hatten – häufig bezeichnet als _wokeness_?

Wall Street verlässt Nachhaltigkeitsbündnis
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Zuerst der Bankensektor: Im Dezember waren bereits die US-amerikanische Citigroup, die Bank of America, Goldman Sachs und Wells Fargo aus der Net Zero Banking Alliance (NZBA) ausgestiegen. Diese Woche folgte dann J.P. Morgan.

Die NZBA war im April 2021 von der Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEPFI) initiiert worden – also kurz, nachdem die [USA](https://www.zeit.de/thema/usa) wieder dem Pariser Klimaabkommen beigetreten waren, während weltweiter Klimaproteste. [Über 140 Banken haben sich seither dem Bündnis angeschlossen](https://www.unepfi.org/industries/banking/net-zero-banking-alliance-2024-progress-update/). Damit gehen sie eine freiwillige Selbstverpflichtung ein: Die Treibhausgas-Bilanz ihrer Portfolios [muss bis 2050 oder früher auf Nettonull sinken](https://www.unepfi.org/net-zero-banking/commitment/). Zudem müssen die Banken Zwischenziele formulieren und jährlich Berichte abgeben.

Nun kann man darüber streiten, wie effektiv das Bündnis überhaupt ist. Denn zunächst sollen die Banken überhaupt erst mal Ziele definieren. Und diesen ersten Meilenstein – so sagt es der [neueste Report](https://www.unepfi.org/industries/banking/net-zero-banking-alliance-2024-progress-update/) schulterklopfend – hätten die Banken größtenteils erfolgreich umgesetzt. Nur: Auch ohne die Klima-Allianz müssen viele Banken solche Nachhaltigkeitsziele definieren – zum Beispiel in Form von ESG-Reports (Environment, Social, Governance), die auf dem EU-Markt für bestimmte Unternehmensklassen verpflichtend sind. Ob die Banken ihre selbstgesteckten Ziele dann erreichen, daran ändert auch die Klima-Allianz nichts, [bemängeln Kritiker](https://greencentralbanking.com/2024/04/24/ecb-report-bank-climate-commitments-are-not-effective/). Die deutsche Genossenschaftsbank GLS stieg Anfang 2023 sogar aus dem Bündnis aus: Viele der Mitglieder würden sich an fossilen Energieprojekten auf dem afrikanischen Kontinent beteiligen, lautete damals [die Begründung](https://www.ecoreporter.de/artikel/gls-bank-verl%C3%A4sst-klima-allianz-nzba/).

Dass sich die Wall Street geschlossen aus dem größten Nachhaltigkeitsbündnis der Finanzwelt zurückgezogen hat, stellt dennoch einen Einschnitt dar: Jetzt ist keine US-Großbank mehr in der Klima-Allianz vertreten.

Druck aus der Politik auf die Banken
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Warum dieser Ausstieg erfolgt ist, lässt sich nur vermuten. Morgan Stanley gab in einer [Mitteilung lediglich an](https://www.esgtoday.com/morgan-stanley-joins-peers-in-leaving-climate-group-maintains-commitment-to-net-zero/), trotzdem an seinen Nachhaltigkeitszielen festzuhalten. Auch die [Citigroup schreibt](https://www.citigroup.com/global/news/perspective/2024/statement-glasgow-financial-alliance-net-zero-banking-alliance), sich weiterhin für die Dekarbonisierung der Wirtschaft einsetzen zu wollen, den Fokus aber auf die 2021 in Glasgow gegründete Finanzallianz für Nettonull (GFANZ) zu legen, in der sie auch Mitglied ist.

Entledigen sich die Banken also einfach ihrer ohnehin unliebsamen Mitgliedschaften, die sie Zeit und Geld kosten? Schließlich ist der zu erwartende Imageschaden aktuell so gering wie nie, da das Thema [Nachhaltigkeit](https://www.zeit.de/thema/nachhaltigkeit) weniger öffentlich debattiert wird und neue Regierungen weltweit nicht viel von Umwelt- und Klimaschutz halten.

Doch es gibt auch Hinweise, dass der politische Druck in der Vergangenheit stieg. So hatte der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Texas, Ken Paxton, bereits [im Oktober 2023 eine Überprüfung angeordnet (PDF)](https://www.texasattorneygeneral.gov/sites/default/files/files/divisions/public-finance/ABC%20Letter%20Draft%20Net%20Zero%20Alliance%2010.17.23.pdf), um festzustellen, ob die Mitglieder der Klima-Allianz NZBA gegen Kartellrecht verstießen, indem sie fossile Energieunternehmen boykottierten. Der republikanische Politiker kündigte an, die Banken bei kommunalen Anleihen benachteiligen zu wollen. In einer aktuellen [Mitteilung lobte er die Banken nun für ihren Austritt](https://www.oag.state.tx.us/news/releases/following-attorney-general-ken-paxtons-urging-all-us-based-major-banks-withdraw-anti-oil-and-gas-net) aus dem Klima-Bündnis und ließ die Androhung fallen.

Das wäre ein Anzeichen dafür, dass die Banken in vorauseilendem Gehorsam alles abstreifen, was ihnen unter der bevorstehenden Präsidentschaft Trumps zum Nachteil werden könnte. Denn dieser kündigte bereits an, Umweltregularien zurückschrauben zu wollen, neue Gebiete für die Öl- und Gasförderung zu erschließen und Förderungen beim Thema Umweltgerechtigkeit zu streichen. Wären die Banken bei ihrem Kurs geblieben, hätte ihnen das Ärger durch Klagen einbringen können – oder schlicht weniger Profit.

Ende auch für Diversitäts- und Gender-Programme
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Es sind aber nicht nur die Banken, die kurz vor dem Amtsantritt Trumps eine vermeintliche Kehrtwende hinlegen. Fast zur gleichen Zeit, als J.P. Morgan die Klima-Allianz verließ, kündigte Mark Zuckerberg an, dass [Meta künftig keine Faktenprüferinnen und -prüfer mehr beschäftigen](https://www.zeit.de/digital/2025-01/meta-facebook-instagram-threads-zuckerberg-mark-faktencheck-ende) werde. Damit biegt der Konzern auf die _free-speech_\-Linie von Elon Musks Plattform X ein. Die Ankündigung könnte Folge von Trumps Androhung sein, Zuckerberg erwarte ein "Leben im Gefängnis", weil dieser zugegeben hatte, [Facebook habe während der Corona-Pandemie Inhalte auf den Druck der Biden-Regierung hin gelöscht](https://edition.cnn.com/2024/08/31/politics/video/smr-trump-zuckerberg). Wahrscheinlicher ist jedoch: Zuckerberg spart zusammen, was ohnehin teuer und aufwendig ist – und [biedert sich so gleichzeitig bei Trump an](https://www.zeit.de/digital/2025-01/mark-zuckerberg-facebook-instagram-meta-donald-trump).

Auch McDonalds eröffnete [in einer Pressemitteilung](https://corporate.mcdonalds.com/corpmcd/our-stories/article/our-commitment-to-inclusion.html) vergangene Woche, sein Diversitätsprogramm in den USA einzudampfen: Eine selbstverpflichtende Quote nach Diversitätskritierien bei der Anstellung gibt das Unternehmen auf, ebenso sollen Lieferanten entlang der Lieferkette diese Vorgaben künftig nicht mehr erfüllen müssen.

Und Amazon hat in [einer Mitteilung an die Belegschaft](https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-01-10/amazon-is-halting-some-of-its-diversity-and-inclusion-programs?srnd=homepage-americas) bereits im Dezember verkündet, ihr Diversitätsprogramm einer umfassenden Inventur zu unterziehen. Das wurde am Freitag bekannt. "Veraltete Programme und Material" würden aussortiert, und "anstatt einzelne Gruppen Programme entwickeln zu lassen, konzentrieren wir uns auf Programme mit nachgewiesenen Ergebnissen". Ein Ende der Inklusionsbemühungen bedeute das jedoch nicht, betonte das Unternehmen. Alles, was als irgendwo schriftlich festgehalten und als "woke" gelesen werden könnte, kommt besser erst mal weg – diesen Eindruck erwecken die Meldungen trotzdem allesamt. 

Vorauseilender Gehorsam
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Es liegt nahe, dass all diese Aktivitäten auf Trumps bevorstehende Amtseinführung zurückzuführen sind. Schließlich haben der designierte US-Präsident und das konservativ-republikanische Lager um das [sogenannte Projekt 2025](https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-07/donald-trump-usa-project2025-reformen) schon lange angekündigt, Diversitäts- und Inklusionsvorhaben an Institutionen und in Unternehmen den Kampf anzusagen.

Zum Beispiel über Gerichtsverfahren gegen Anti-Diskriminierungsgebote: Wer als weißer Mann einen Job nicht bekommen hat, weil stattdessen eine Schwarze Frau eingestellt wurde, klagt. _Reverse discrimination lawsuits_ werden diese Verfahren in den USA genannt – Prozesse wegen umgedrehter Diskriminierung. Laut eines Projektes des [New York School of Law Meltzer Center ist die Zahl](https://advancingdei.meltzercenter.org/) solcher Verfahren in den vergangenen drei Jahren stark angestiegen. Ändert Trump die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu Ungunsten der Diversitätsprogramme, könnten solche Klagen zunehmen. Und davor wollen sich die Unternehmen möglicherweise nun schützen.

Ökonomisch sinnvoll ist die Abkehr meist nicht
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Dennoch bedeutet die vermehrte Abwendung von Nachhaltigkeits- und Diversitätsprogramm nicht zwangsläufig das Ende der Entwicklung.

Das zeigt der Bankensektor: Die [Europäische Zentralbank hat in einer Studie (PDF)](https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecb.wp2921~603e225101.en.pdf) die Fortschritte der Mitglieder der Klima-Allianz NZBA untersucht. Zwar konnten sie seit ihrer Mitgliedschaft ihre Emissionen um 20 Prozent senken – doch das war genauso viel, wie auch eine Vergleichsgruppe von Nicht-Mitgliedern geschafft hatte. Auch ohne öffentlichkeitswirksame Absichtserklärungen bewegen Banken sich also in klimafreundlichere Märkte, weil es sich schlicht ökonomisch für sie auszahlt. Zum Beispiel bei der Elektromobilität – wo nicht US-Regularien die Richtung vorgeben, sondern die Konkurrenz aus China.

Zudem müssen viele Unternehmen weiterhin auf Diversität und Inklusion achten – egal ob sie Teil eines orchestrierten Bündnisses sind oder nicht. Denn Diversität ist ein Wettbewerbsvorteil, [zeigen Studien](https://www.mckinsey.com/featured-insights/diversity-and-inclusion/diversity-wins-how-inclusion-matters), zum Beispiel bei der Fachkräftegewinnung.  

Und auch wenn mit Amazon, J.P. Morgan oder McDonalds einige große Namen vorangegangen sind – sie bilden nicht die gesamte US-Wirtschaft ab. Manche Firmen widersetzen sich sogar vehement dem vermeintlich neuen Zeitgeist: [Apple rief am Wochenende die Anteilseignerinnen und -eigner auf](https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2025-01/apple-verteidigt-diversitaets-inititaive-aktionaere), bei der Ende Februar anstehenden Hauptversammlung gegen einen Antrag aus den Reihen der Aktionärinnen und Aktionäre zu stimmen. Dieser sieht vor, die Diversitätsprogramme im Konzern zu beenden, da dadurch kostspielige Klagen anfallen könnten.

Apple argumentiert dagegen: Der Antrag würde ins Tagesgeschäft eingreifen und sei damit unzulässig. Und was die rechtlichen Risiken angehe: Man habe eingespielte Verfahren, um diese zu minimieren.