[Schädlingsbekämpfung: Käfer, die Kulturgut fressen | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2025/01/schaedlingsbekaempfung-museen-insekten-hochrisikosammlung/komplettansicht) 

 [Schädlingsbekämpfung: Käfer, die Kulturgut fressen | ZEIT ONLINE](https://www.zeit.de/2025/01/schaedlingsbekaempfung-museen-insekten-hochrisikosammlung/komplettansicht) 

 Pascal Querner hat einen sehr speziellen Blick auf die Gegenstände, die sich um ihn herum befinden. Das gekippte Fenster hier im Naturhistorischen Museum, das den Blick auf die Wiener Ringstraße freigibt? Ein Einfallstor für mögliche Eindringlinge. Die ausgestopfte Giraffe im prächtigen, hellen Ausstellungsraum davor? Ein "Risikoobjekt", weil potenzielles Feindesfutter. Gerade steht Querner, ein schlanker, groß gewachsener 49-jähriger Mann, vor dem Skelett eines Finnwals. Die beiden Buben neben ihm staunen über das beeindruckende Tier mit den großen Knochen: "17 Meter!" Doch Querner ist ganz auf die wenigen Barteln des Finnwals, die noch erhalten sind, fokussiert. "Die sind aus Horn, aus demselben Material wie unsere Fingernägel", sagt er. Ein gefundenes Fressen für Pelzkäfer.

Diese kleinen Viecher sind nur einer von Querners vielen Gegnern. Manche von ihnen sind so winzig, dass sie mit freiem Auge gar nicht zu erkennen sind. Trotzdem können sie in Häusern wie dem Naturhistorischen Museum verheerende Schäden anrichten. Kleidermotten, Brotkäfer, Wollkrautkäfer oder, ganz übel: Papierfischchen.

Pascal Querner ist Biologe und der einzige Schädlingsbekämpfer Österreichs, der sich auf Museen spezialisiert hat. Gibt es in irgendeinem bekannten Archiv einen Befall, klingelt ziemlich sicher Querners Telefon. Es ist nicht lange her, da wurde er in ein Wiener Kunstmuseum gerufen, weil plötzlich Dutzende Käfer aus dem Holzrahmen einer italienischen Leihgabe krabbelten – mitten im Ausstellungsraum. Der Direktor fürchtete nicht nur um die wertvollen Exponate und seinen Parkettboden, sondern ebenso um das Renommee des angesehenen Hauses. Das ist auch der Grund, warum Querner öffentlich keine Namen verrät. "Es ist eine heikle Angelegenheit", sagt er.

In der Branche spricht man nicht gerne über Käfer, die Kulturgut auffressen. Dabei gehört das Thema inzwischen zum Alltagsgeschäft. Museen und Archive müssen immer größere Anstrengungen auf sich nehmen, um die Krabbeltiere und die Motten von ihren Exponaten fernzuhalten. Nicht nur in Österreich ist die Zahl der [Schädlinge](https://www.zeit.de/thema/schaedling) in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Das Problem kennt man in Deutschland ebenso wie in Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark. Experten führen den Anstieg auf den Klimawandel zurück. Und auf neue, eingeschleppte Arten, die eine Vorliebe für warme Innenräume und wertvolle Exponate haben: alte Bücher und Hölzer, getrocknete Pflanzen und Insekten, Stoffe, Haare, Felle und Federn.

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Pascal Querner ist der einzige Schädlingsbekämpfer Österreichs, der sich auf Museen spezialisiert hat. © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Im Wiener Naturhistorischen Museum gibt es all das zuhauf. Mehr als 25 Millionen Objekte umfasst die Sammlung, die es zu einem der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Museen weltweit machen. Doch die ausgestopften Giraffen, Robben, Vögel, Eisbären, Pandas – sie machen das Museum auch zu einem Tollhaus für lästige kleine Schädlinge aller Art. Oder wie es Pascal Querner ausdrückt: "Wir haben es mit einer Hochrisikosammlung zu tun."

Der Biologe, der als freier Mitarbeiter beschäftigt wird, steht inzwischen im Lift Richtung Untergeschoss, in dem sich ein zentraler Maschinenraum des Museums befindet: die Präparation für Wirbeltiere. Auch die wichtigsten Instrumentarien für die Schädlingsbekämpfung sind hier untergebracht. Querner führt durch enge Gänge, vorbei an einer Tür, hinter der sich ein großes Kühlhaus befindet ("Hier sind circa 3.000 Tiere eingefroren"). Gegenüber steht ein mehrere Meter langer bauchiger Stahlbehälter, den Querner ganz beiläufig als "Entfettungsmaschine" vorstellt, als wäre dieses Gerät so gewöhnlich wie ein Wäschetrockner. "Hier werden Walknochen entfettet", sagt er. Schließlich bleibt Querner vor einer laut surrenden Kammer stehen.

Sind Objekte befallen, müssen sie in die Stickstoffkammer
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Manche der Schädlinge sind so winzig, dass sie mit bloßem Auge gar nicht zu erkennen sind. © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Im Haus, sagt er, gebe es zwei Methoden, die angewendet werden, wenn Objekte mit Schädlingen befallen sind oder neu in die Sammlung aufgenommen werden: "Alles muss entweder durch die Stickstoffkammer gehen", sagt er und deutet auf den Raum vor sich. "Oder durch die Gefriertruhen."

So will man verhindern, dass Käfer und Larven überhaupt den Weg in die oberen Stockwerke finden. Es kommt trotzdem manchmal vor – kein Wunder, bei all den Objekten, die ständig von draußen hereinkommen: große Dinge und massenhaft Kleinzeug, private und öffentliche Schenkungen, Sammlungen von Schmetterlingen, Nachtfaltern, Käfern. Oder die Trophäen eines verstorbenen Jägers, die die Witwe loswerden will. Im Vorjahr wurden dem Museum 19.000 Vogelbälge geschenkt, eine historische Sammlung aus England. Stirbt im Tiergarten Schönbrunn ein Eisbär, landet der auch meistens hier.

Auch jetzt ist die Stickstoffkammer bis ganz oben hin voll. Querner lugt durch das Glasfenster an der Tür und murmelt: "Aha, oben Insektenkästen, unten ein paar Stoffpräparate." Drei Wochen lang müssen sie in der Kammer bleiben. In diesem Zeitraum "sterben die Schädlinge durch Ersticken und gleichzeitig durch Austrocknen ab".

Querner, der als Sohn eines österreichischen Diplomaten in Hongkong aufgewachsen ist, sammelte schon als Kind Insekten. Heute gilt er weltweit als einer der führenden Experten seines Fachs. Mal ist seine Kompetenz in Sri Lanka gefragt, mal in der Melker Stiftsbibliothek. Mehr als 40 Museen, Archive und Kunstdepots berät er im In- und Ausland. "Integrated Pest Management" – so nennt sich die moderne Schädlingsbekämpfung in Fachkreisen, die vor allem auf Prävention und nur in Ausnahmefällen auf Pestizide setzt. Früher wurden im Naturhistorischen Museum Tierpräparate mit Arsen behandelt, um Motten und Käfer fernzuhalten. "Und einmal im Jahr wurde der Kammerjäger gerufen, der dann mit dem Gift herumgesprüht hat", sagt Querner. Das macht man heute alles nicht mehr.

Querners Haupttätigkeit besteht darin, den Feind zu beobachten – und ihm eine Falle zu stellen. Mehr als 350 Klebefallen hat der Biologe im Haus verteilt, die er in regelmäßigen Abständen kontrolliert. Auch hier, neben der Entfettungsmaschine, steht eine. Querner zieht eine kleine Lupe aus dem Hosensäckel und untersucht seinen Fang: "Aha, kleine Mücken. Staubläuse sind auch drauf."

Alles harmlos. Ganz anders als zum Beispiel die Larve des Brotkäfers, die hier schon gesichtet wurde. Sie frisst sich durch botanische Sammlungen und historische Bücher. Oder die Kleidermotte, die Fell und Federn liebt.

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Eine stark beschädigte 1.000-Mark-Note der Deutschen Reichsbank aus den 1920er-Jahren © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Oder der Pelzkäfer, der es besonders auf Haare und getrocknete Insekten abgesehen hat. "Wenn der mal in so einem Insektenkasten drinnen ist, und man gibt ihm ein, zwei Jahre Zeit", sagt Querner, "dann ist praktisch nur noch Staub über."

Apropos Staub: Den sollte man möglichst vermeiden, weil gewisse Schädlinge den gerne fressen. "Meine Arbeit hat sowieso viel mit Staub zu tun", sagt Querner. Einmal ging er mit einem Handstaubsauger durch das ganze Museum, zwei Stunden lang war er unterwegs. Den Beutel schickte er danach zur DNA-Analyse in ein Labor. Laut dessen Analysen waren 360 unterschiedliche Tierarten im Gebäude. Allerdings waren darunter auch Schweine, Hühner und Rinder. Das waren dann wohl eher Lebensmittelreste die von Besuchern dagelassen wurden. Querner hat bislang 45 Schädlingsarten in Museen gefunden. Er vermutet jedoch, dass es noch mehr gibt.

Lange Zeit galt die Kleidermotte als die größte Gefahr für Museen, inzwischen wurde sie von einem anderen Krabbeltier abgelöst. Denn der gefährlichste Schädling sei inzwischen das Papierfischchen. "Ah, da hinten läuft schon eines!", entfährt es Querner in dem Moment. Und tatsächlich: Über die Mauer in der Ecke huscht ein Papierfischchen. Mutmaßlich aus dem südlichen Afrika stammend und über die Verpackungsindustrie eingeschleppt, ist es inzwischen in ganz Mitteleuropa verbreitet.

In [Österreich](https://www.zeit.de/oesterreich) wurde es erstmals 2003 nachgewiesen. Anfangs trat es nur vereinzelt auf, doch vor rund zehn Jahren, sagt Querner, habe sich das Papierfischchen zu einem ernsthaften Problem ausgewachsen. Als gieriger Zellulosefresser ist es für historische Archive und Bibliotheken besonders bedrohlich. Es knabbert an alten Büchern, an Fotos und Pergamenten. Auch Tapeten sind nicht vor ihm sicher. Querner kramt eine Plastikbox aus seinem Rucksack, er hat lebendes Anschauungsmaterial dabei. "Alles löchrig", sagt er, während er den Deckel öffnet. In der Box fressen sich Dutzende Fischchen durch ein Blatt Papier.

Gute Zeiten für Schädlinge sind schlechte Zeiten für Museen
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Bislang hat Pascal Querner 45 Schädlingsarten in Museen gefunden. Er vermutet jedoch, dass es noch mehr gibt. © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Eine weitere schlechte Nachricht: Papierfischchen sind äußerst widerstandsfähige Viecher, sehr mobil und fast dreimal so groß wie die ihnen verwandten Silberfischchen, die sich gerne unter feuchten Teppichen im Bad verstecken. Papierfischchen hingegen kommen auch im Trockenen gut zurecht und leben viel länger als Pelzkäfer oder Motten, die nur wenige Wochen nach dem Schlüpfen wieder absterben. Papierfischchen haben eine Lebenserwartung von fünf bis sieben Jahren. Dazu kommt, dass sie jährlich ungefähr 80 Eier legen. Können sie sich ungestört fortpflanzen, explodiert die Population. Derzeit sieht es zudem so aus, als würden sie keine heimischen Schädlinge verdrängen – sie leben gut neben anderen Schädlingen und werden einfach immer mehr. Querner sagt: "Jetzt habe ich zum Teil Papierfischchen, Geisterfischchen und Silberfischchen in einem Gebäude."

Derzeit untersucht der Biologe an 20 verschiedenen Standorten, wie sich das veränderte Klima auf Schädlinge auswirkt. Im Kunsthistorischen Museum, im Technischen Museum, im Belvedere – überall hat er Fallen ausgelegt und Datenlogger angebracht, die alle 15 Minuten die Raumtemperatur messen. Die Endergebnisse werden erst ausgewertet, aber schon jetzt zeichnet sich ab: Für die Schädlinge schaut die Zukunft ziemlich rosig aus, für die Museen weniger.

"Wir sehen, dass in den Sommermonaten Tiere wie das Papierfischchen mehr werden", sagt Pascal Querner. Sein Kollege in Berlin, der die Laboruntersuchungen durchführt, hat herausgefunden: Bei 28 Grad Raumtemperatur brauchen Papierfischchen nicht wie bisher angenommen eineinhalb Jahre, um geschlechtsreif zu werden, sondern nur noch acht Monate. Die nächste schlechte Nachricht.

Erschwerend hinzu kommt, dass das Naturhistorische Museum keine Klimaanlage hat. Und seit auch der alte Luftkanal des Hauses aus Sicherheitsgründen zugemauert werden musste, sind 30 Grad im Ausstellungsraum keine Seltenheit. Eine Hitze, die gleich mehrere Probleme mit sich bringt: Objekte können reißen, die Besucher schnaufen, die Mitarbeiter schwitzen. "Die machen dann die Fenster auf, um zu lüften – und dann habe ich ein Problem", sagt Querner. Wieder: ein Einfallstor für Eindringlinge.

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Querner, der als Sohn eines österreichischen Diplomaten in Hongkong aufgewachsen ist, sammelte schon als Kind Insekten. © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Die einzigen Käfermassen, die im Naturhistorischen Museum erlaubt sind, befinden sich im Raum neben der Stickstoffkammer, im Reich von Robert Illek, der hier fast schon zum Inventar gehört. Seit 38 Jahren arbeitet er als Tierpräparator im Haus, nur der Portier am Haupteingang ist länger als er hier. Neben Illek sitzt ein Golden Retriever vor einem Fressnapf. "Das ist der Rüdiger, unser Bürohund", sagt er. Man muss zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass der Hund ausgestopft ist.

Robert Illek schiebt eine tiefe Schublade auf. Darin liegt ein toter Bartgeier, an dem Tausende afrikanische Speckkäfer nagen. Seit 50 Jahren werden die Schädlinge im Museum gezüchtet, die Illek aber nicht so bezeichnet haben will: "Das sind keine Schädlinge, sondern unsere Mitarbeiter", sagt er. Drei Wochen lang fressen die Käfer an so einem Bartgeier, danach ist nur noch ein sauber abgenagtes Skelett übrig. Kein Mensch bekomme das so perfekt hin. Aber selbstverständlich, sagt Illek, achten die Tierpräparatoren penibel darauf, dass kein Käfer entwischt. "Sonst hat der Pascal das nächste Problem."

Pascal Querner geht davon aus, dass die Papierfischchen nicht nur in Museen, sondern bald auch in Wohnungen für Ärger sorgen werden. Schon jetzt, sagt er, würden immer wieder Privatpersonen auf ihn zukommen, die verzweifelt um Rat bitten, weil die Viecher unter ihrer Bettdecke hocken. Für den Menschen sind Papierfischchen zwar harmlos: Sie stechen nicht und übertragen keine Krankheiten. "Aber wenn sie massenhaft auftreten", sagt Querner, "dann werden sie lästig."