Das Marxsche Subjekt bleibt aufgrund seiner Herkunft ein Arbeitssubjekt. Selbst wenn es nicht arbeitet, ist es nicht zu einer ganz anderen Tätigkeit fähig. Ausserhalb der Arbeit bleibt es höchstens ein Konsument. Arbeiter und Konsument sind miteinander verwandt. Sie verbrauchen die Zeit. Sie haben keinen Zugang zur vita contemplativa.
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 99
Die vita contemplativa ist eine Praxis der Dauer. Sie stiftet eine andere Zeit, indem sie die Zeit der Arbeit unterbricht.
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 94
Erst im Zuge der Reformation kommt der Arbeit eine Bedeutung zu, die über die Lebensnotwendigkeit weit hinausgeht.
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 90
Die Arbeit ist letzten Endes auf die Herrschaft und Einverleibung aus. Sie vernichtet die Distanz zu den Dingen. Der kontemplative Blick dagegen schont sie. Er belässt sie in ihrem Eigenraum oder Eigenglanz. Er ist eine Praxis der Freundlichkeit.
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 79
Der kontemplative Blick ist insofern asketisch, als er auf die Beseitigung der Distanz, auf die Einverleibung verzichtet. In diesem Punkt ist Adorno Heidegger benachbart: "Der lange, kontemplative Blick […] ist immer der, in dem der Drang zum Objekt gebrochen, reflektiert ist. Gewaltlose Betrachtung, von der alles Glück der Wahrheit kommt, ist gebunden daran, dass der Betrachtende nicht das Objekt sich einverleibt."
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 80
Und das Subjekt der Erfahrung muss sich offen halten für das Kommende, ja für das Überraschende und Ungewisse der Zukunft. Sonst erstarrt es zu einem Arbeiter, der die Zeit bloss abarbeitet. Er verändert sich nicht. Veränderungen destabilisieren den Arbeitsprozess. Das Subjekt der Erfahrung dagegen ist sich nie gleich. Es bewohnt den Übergang zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Die Erfahrung umfasst einen weiten Zeitraum. Sie ist sehr zeitintensiv im Gegensatz zum Erlebnis, das punktuell, zeitarm ist. Die Erkenntnis ist genauso zeitintensiv wie die Erfahrung. Sie zieht ihre Kraft sowohl aus dem Gewesenen als auch aus dem Zukünftigen. Erst in dieser Verschränkung von Zeithorizonten verdichtet sich die Kenntnis zu Erkenntnis. Diese temporale Verdichtung unterscheidet die Erkenntnis auch von Information, die gleichsam zeitleer oder zeitlos im privativen Sinne ist.
In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 13