last edited: Wed, 18 Sep 2019 11:04:23 +0200  
[...] Car la confiance est bien ce qui, en dernier recours, une fous tous les arguments soupesés, fait basculer notre décision dans un sens ou dans l'autre et prote è trancher (« le ferai-je avec lui ou non ? ») ; de même qu'elle est ce dont procède l'assentiment qui seul peut générer positivement une communauté. La confiance est bien ce qui assure la cohésion et la viabilité du politique, mais sans être pour autant aliénante, en quoi elle se distingue de tout effet de charisme [...]
Or la confiance ne relève ni de l'entendement ni de la volonté : elle n'est de l'ordre ni d'une perspicacité de l'intelligence ni d'un « je veux » ; tout en dépendant de nous, elle échappe à notre maîtrise : il n'y a confiance que s'il y a déprise. Car elle relève non pas tant de sujet que de la situation engagée, non pas tant de l'individu que de la relation nouée, non pas tant de l'action que du déroulemend d'un procès. Dans la confiance, les deux partenaires sont également inpliqués et coresponsables : elle est, non pas de l'être, mais de l' « entre » – j'y reviendrai. Car elle n'est pas attribuable exclusivement à l'un des deux ; et même ne peut-on plus discerner, quand elle s'est ancrée, auquel des deux elle est due. En quoi elle relève effectivement, non plus d'une action transitive ou de l'initiative solitaire d'un sujet, mais d'une transformation silencieuse des conditions de consubjectivité engagées.
In François Jullien - De l'Être au Vivre, S. 45f.
[...]Letzten Endes ist es immer das Vertrauen, das unsere Entscheidung, nach Abwägung aller Argumente, in diese oder jene Richtung kippen und uns zu einem Urteil kommen lässt. Ihm entpringt auch die Zustimmung, aus der allein eine Gemeinschaft im positiven Sinn hervorgehen kann. Schliesslich ist es das Vertrauen, das eine Kohäsion und Gangbarkeit des Politischen gewährleistet, ohne jedoch zugleich entfremdend zu sein [...]
Nun ist das Vertrauen weder vom Verstand noch vom Willen abhängig, haben wir es nicht unter Kontrolle: Vertrauen gibt es nur bei gleichzeitigem Loslassen. Es hängt nicht so sehr vom Subjekt als vielmehr von der konkreten Situation ab, nicht so sehr von der jeweiligen Handlung als vom Ablauf des Prozesses. Im Vertrauen sind beide Partner eingebunden und mitverantwortlich: Es besteht im Bereich des "Zwischen" und nicht dem des Seins. Es kann nicht exklusiv einem von beiden zugeschrieben werden, ja man kann, wenn es sich gefestigt hat, gar nicht mehr sagen, wem es zu verdanken ist. Es ist etwas, das nicht mehr einer transitiven Handlung oder der einsamen Entscheidung eines Subjekts zuschreibbar ist, sondern einer stillen Verwandlung der Bedingungen der eingegangenen gemeinsamen Subjektivität [consubjectivité].
In François Jullien – Vom Sein zum Leben, S. 47f.

  last edited: Mon, 24 Jun 2019 09:31:02 +0200  
Bei gemütlichem Beisammensein möchten wir immer am letzten Sonntag des Monats (mit Unterbrüchen, siehe Kalender) mit euch über ein bestimmtes Thema gemeinsam philosophieren. Das Thema geben wir jeweils frühzeitig auf dem Kanal bekannt. Die Teilnahme ist gratis. Freiwillige Beiträge sind willkommen.

  last edited: Sat, 22 Jun 2019 11:21:30 +0200  
[...] Baumann [verwendet] Flanieren und Zappen beinahe identisch. Sie sollen die postmoderne Ungebundenheit und Unverbindlichkeit zur Sprache bringen: "Die ultimative Freiheit steht under Bildschirmregie, wird in Gesellschaft von Oberflächen gelebt und heisst zapping" (Zygmunt Baumann: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997, S. 153). Der hier zugrundeliegende Freiheitsbegriff ist sehr problematisch. Frei-sein heisst nicht einfach Ungebunden- und Unverbindlich-Sein. Frei machen nicht Entbindungen und Entbettungen, sondern Einbindungen und Einbettungen. Die totale Beziehungslosigkeit wirkt beängstigend und beunruhigend. Die indogermanischen Wurzel fri, worauf Wendungen wie frei, Friede und Freud zurückgehen, bedeutet "lieben". So bedeutet "frei" ursprünglich "zu den Freunden oder Liebenden gehörend". Man fühlt sich frei gerade in der Beziehung von Liebe und Freundschaft. Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht einen frei. Die Freiheit ist ein Beziehungswort par excellence. Ohne Halt gibt es auch keine Freiheit.
Aufgrund des fehlenden Haltes faßt das Leben heute nicht leicht Tritt. Die temporale Zerstreuung bringt es aus dem Gleichgewicht. Es schwirrt. Es existieren keine stabilen sozialen Rhythmen und Takte mehr, die den individuellen Zeithaushalt entlasten würden. Nicht jeder vermag seine Zeit selbständig zu definieren. Die zunehmende Pluralität der Zeitläufe überfordert und überreizt den Einzelnen. Die fehlenden temporalen Vorgaben führen nicht zu einem Zuwachs an Freiheit, sondern zu einer Orientierungslosigkeit.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 38

  
Das Marxsche Subjekt bleibt aufgrund seiner Herkunft ein Arbeitssubjekt. Selbst wenn es nicht arbeitet, ist es nicht zu einer ganz anderen Tätigkeit fähig. Ausserhalb der Arbeit bleibt es höchstens ein Konsument. Arbeiter und Konsument sind miteinander verwandt. Sie verbrauchen die Zeit. Sie haben keinen Zugang zur vita contemplativa.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 99

  
Die vita contemplativa ist eine Praxis der Dauer. Sie stiftet eine andere Zeit, indem sie die Zeit der Arbeit unterbricht.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 94

  
Erst im Zuge der Reformation kommt der Arbeit eine Bedeutung zu, die über die Lebensnotwendigkeit weit hinausgeht.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 90

  last edited: Sat, 04 May 2019 19:16:44 +0200  
Die Arbeit ist letzten Endes auf die Herrschaft und Einverleibung aus. Sie vernichtet die Distanz zu den Dingen. Der kontemplative Blick dagegen schont sie. Er belässt sie in ihrem Eigenraum oder Eigenglanz. Er ist eine Praxis der Freundlichkeit.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 79

Der kontemplative Blick ist insofern asketisch, als er auf die Beseitigung der Distanz, auf die Einverleibung verzichtet. In diesem Punkt ist Adorno Heidegger benachbart: "Der lange, kontemplative Blick […] ist immer der, in dem der Drang zum Objekt gebrochen, reflektiert ist. Gewaltlose Betrachtung, von der alles Glück der Wahrheit kommt, ist gebunden daran, dass der Betrachtende nicht das Objekt sich einverleibt."

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 80

  
Wahrheit und Erkenntnis haben inzwischen einen archaischen Klang. Sie beruhen auf Dauer. Die Wahrheit hat zu währen. Sie verblasst aber angesichts einer immer kürzer werdenden Gegenwart. Und die Erkenntnis verdankt sich einer temporalen Versammlung, die Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart einspannt.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 44

  
Aufgrund der Entzeitlichung findet kein narrativer Fortschritt statt. Der Erzähler hält sich bei jedem kleinsten und unbedeutendsten Ereignis lange auf, weil er nicht vermag, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Narration setzt Unterscheidung und Selektion voraus.  

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 32f

  
Zwischen Punkten klafft notwendig eine Leere, ein leeres Intervall, in dem sich nichts ereignet, keine Sensation stattfindet. Die mythische und die geschichtliche Zeit lassen dagegen keine Leere aufkommen, denn das Bild und die Linie haben kein Intervall. [...] Die Punkt-Zeit lässt kein kontemplatives Verweilen zu.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 23f

  last edited: Wed, 01 May 2019 16:12:22 +0200  
Autor: François Jullien
Titel: De l'être au vivre : lexique euro-chinois de la pensée
Gallimard, Paris 2015
ISBN: 9782070148660 2070148661
De l'être au vivre : lexique euro-chinois de la pensée (Book, 2015) [WorldCat.org]
Loue ce livre dans une bibliothèque! De l'être au vivre : lexique euro-chinois de la pensée. [François Jullien]

Vom Sein zum Lebenden Euro-chinesisches Lexikon des Denkens (Book, 2018) [WorldCat.org]
Leih es in einer Bibliothek aus! Vom Sein zum Lebenden Euro-chinesisches Lexikon des Denkens. [François Jullien; Erwin Landrichter; MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft]

  last edited: Tue, 30 Apr 2019 01:08:01 +0200  
Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" beginnt bezeichnenderweise mit dem Wort: "Longtemps, je me suis couché de bonne heure" (Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen). Die deutsche Übersetzung bringt die "bonne heure" ganz zum Verschwinden. Es handelt sich um ein weitreichendes Wort über Zeit und Glück (bonheur). Die bonne heure, die gute Zeit ist das Gegenbild der schlechten Unendlichkeit, der leeren, also schlechten Dauer, in der kein Schlaf möglich ist. Der Zeitriss, die radikale Diskontinuität der Zeit, die auch keine Erinnerung zulässt, führt zur quälenden Schlaflosigkeit. Die ersten Passagen des Romans stellen dagegen eine beglückende Kontinuitätserfahrung dar. Insziniert wird ein müheloses Schweben zwischen Schlafen, Träumen und Wiedererwachen, im wohligen Fluidum von Erinnerungs- und Wahrnehmungsbildern, ein freies Hin-und-Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fester Ordnung und spielerischer Verwirrung. Kein Zeitriss stürzt den Protagonisten in eine leere Dauer. Der Schlafende ist vielmehr Spieler, Wanderer und auch Herrscher der Zeit: "Der Schlafende spannt in einem Kreise um sich den Ablauf der Stunden, die Ordnung der Jahre und der Welten aus."

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 15

  last edited: Tue, 30 Apr 2019 01:06:58 +0200  
Aufgrund ihrer Zerstreuung entfaltet die Zeit keine ordnende Kraft mehr. So entstehen keine prägenden oder entscheidenden Einschnitte im Leben. Die Lebenszeit wird nicht mehr durch Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge gegliedert. Vielmehr eilt man von einer Gegenwart zur anderen. So altert man, ohne alt zu werden.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 17

  
Der Mythos wich einst der Geschichte. Das statische Bild wurde zur fortlaufenden Linie. Geschichte weicht nun Informationen. Diese besitzen keine narrative Länge oder Weite. Sie sind weder zentriert noch gerichtet. Sie stürzen gleichsam auf uns ein. Die Geschichte lichtet, selektiert, kanalisiert das Gewirr von Ereignissen, zwingt diese auf eine narrativ-lineare Bahn. Verschwindet diese, so kommt es zu einer Wucherung von Informationen und Ereignissen, die richtungslos schwirren. Die Informationen duften nicht.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 23

  
Autor: Byung-Chul Han / Pyŏng-ch'ŏl Han
Titel: Die Austreibung des Anderen - Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016
ISBN: 978-3-10-397212-2
Die Austreibung des Anderen - Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute (Book, 2016) [WorldCat.org]
Leih es in einer Bibliothek aus! Die Austreibung des Anderen - Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. [Byung-Chul Han; S. FISCHER Verlag GmbH,] -- Der international als »neuer Star der deutschen Philosophie« gehandelte Byung-Chul Han legt nach seinem Bestseller »Psychopolitik« sein neues Buch über Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation ...

  last edited: Mon, 29 Apr 2019 22:21:17 +0200  
Autor: Byung-Chul Han / Pyŏng-ch'ŏl Han
Titel: Duft der Zeit - Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens
transcript, Bielefeld 2009
ISBN: 978-3-8376-1157-1
Duft der Zeit ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens (Book, 2015) [WorldCat.org]
Leih es in einer Bibliothek aus/Get this from a library! Duft der Zeit ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. [Pyŏng-ch'ŏl Han]

시간의향기 = Duft der Zeit : 머무름의기술 (Book, 2013) [WorldCat.org]
Get this from a library! 시간의향기 = Duft der Zeit : 머무름의기술. [Byung-Chul Han; T'ae-hwan Kim]

Le parfum du temps : essai philosophique sur l'art de s'attarder (Book, 2016) [WorldCat.org]
Loue ce livre dans une bibliothèque! Le parfum du temps : essai philosophique sur l'art de s'attarder. [Byung-Chul Han; Julie Stroz]

The scent of time : a philosophical essay on the art of lingering (eBook, 2017) [WorldCat.org]
Get this from a library! The scent of time : a philosophical essay on the art of lingering. [Byung-Chul Han]

  
Wo die Praxis eines langfristigen Sich-Bindens, das auch eine Form des Schlusses wäre, der zunehmenden Kurzfristigkeit weicht, steigt auch die Unzeitigkeit, die sich auf der psychologischen Ebene als Angst und Unruhe wiederspiegelt.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 14

  
Dem Abspeichern der Information geht das Löschen des Gedächtnisses, das Löschen der geschichtlichen Zeit voraus.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 13

  
Und das Subjekt der Erfahrung muss sich offen halten für das Kommende, ja für das Überraschende und Ungewisse der Zukunft. Sonst erstarrt es zu einem Arbeiter, der die Zeit bloss abarbeitet. Er verändert sich nicht. Veränderungen destabilisieren den Arbeitsprozess. Das Subjekt der Erfahrung dagegen ist sich nie gleich. Es bewohnt den Übergang zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Die Erfahrung umfasst einen weiten Zeitraum. Sie ist sehr zeitintensiv im Gegensatz zum Erlebnis, das punktuell, zeitarm ist. Die Erkenntnis ist genauso zeitintensiv wie die Erfahrung. Sie zieht ihre Kraft sowohl aus dem Gewesenen als auch aus dem Zukünftigen. Erst in dieser Verschränkung von Zeithorizonten verdichtet sich die Kenntnis zu Erkenntnis. Diese temporale Verdichtung unterscheidet die Erkenntnis auch von Information, die gleichsam zeitleer oder zeitlos im privativen Sinne ist.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 13

  
Die Beschleunigung des Lebensprozesses verhindert, dass abweichende Formen sich herausbilden. Dafür fehlt die Zeit der Reife.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 12