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Prousts erster Band des Werks "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" steht in drei Sprachen als digitale Dateien auf unserer Cloud zur Verfügung.

Französisch (Teil 1.1)
Französisch (Teil 1.2)
Deutsch
Englisch

Für Prousts Werke gilt die Gemeinfreiheit (Die Regelschutzfrist beträgt in der Europäischen Union und der Schweiz 70 Jahre, in den USA 95 Jahre, beginnend mit dem Ablauf des Todesjahres des Urhebers).
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Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" beginnt bezeichnenderweise mit dem Wort: "Longtemps, je me suis couché de bonne heure" (Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen). Die deutsche Übersetzung bringt die "bonne heure" ganz zum Verschwinden. Es handelt sich um ein weitreichendes Wort über Zeit und Glück (bonheur). Die bonne heure, die gute Zeit ist das Gegenbild der schlechten Unendlichkeit, der leeren, also schlechten Dauer, in der kein Schlaf möglich ist. Der Zeitriss, die radikale Diskontinuität der Zeit, die auch keine Erinnerung zulässt, führt zur quälenden Schlaflosigkeit. Die ersten Passagen des Romans stellen dagegen eine beglückende Kontinuitätserfahrung dar. Insziniert wird ein müheloses Schweben zwischen Schlafen, Träumen und Wiedererwachen, im wohligen Fluidum von Erinnerungs- und Wahrnehmungsbildern, ein freies Hin-und-Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fester Ordnung und spielerischer Verwirrung. Kein Zeitriss stürzt den Protagonisten in eine leere Dauer. Der Schlafende ist vielmehr Spieler, Wanderer und auch Herrscher der Zeit: "Der Schlafende spannt in einem Kreise um sich den Ablauf der Stunden, die Ordnung der Jahre und der Welten aus."

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 15
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[...] Baumann [verwendet] Flanieren und Zappen beinahe identisch. Sie sollen die postmoderne Ungebundenheit und Unverbindlichkeit zur Sprache bringen: "Die ultimative Freiheit steht under Bildschirmregie, wird in Gesellschaft von Oberflächen gelebt und heisst zapping" (Zygmunt Baumann: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997, S. 153). Der hier zugrundeliegende Freiheitsbegriff ist sehr problematisch. Frei-sein heisst nicht einfach Ungebunden- und Unverbindlich-Sein. Frei machen nicht Entbindungen und Entbettungen, sondern Einbindungen und Einbettungen. Die totale Beziehungslosigkeit wirkt beängstigend und beunruhigend. Die indogermanischen Wurzel fri, worauf Wendungen wie frei, Friede und Freud zurückgehen, bedeutet "lieben". So bedeutet "frei" ursprünglich "zu den Freunden oder Liebenden gehörend". Man fühlt sich frei gerade in der Beziehung von Liebe und Freundschaft. Nicht Bindungslosigkeit, sondern Bindung macht einen frei. Die Freiheit ist ein Beziehungswort par excellence. Ohne Halt gibt es auch keine Freiheit.
Aufgrund des fehlenden Haltes faßt das Leben heute nicht leicht Tritt. Die temporale Zerstreuung bringt es aus dem Gleichgewicht. Es schwirrt. Es existieren keine stabilen sozialen Rhythmen und Takte mehr, die den individuellen Zeithaushalt entlasten würden. Nicht jeder vermag seine Zeit selbständig zu definieren. Die zunehmende Pluralität der Zeitläufe überfordert und überreizt den Einzelnen. Die fehlenden temporalen Vorgaben führen nicht zu einem Zuwachs an Freiheit, sondern zu einer Orientierungslosigkeit.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 38
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Das Marxsche Subjekt bleibt aufgrund seiner Herkunft ein Arbeitssubjekt. Selbst wenn es nicht arbeitet, ist es nicht zu einer ganz anderen Tätigkeit fähig. Ausserhalb der Arbeit bleibt es höchstens ein Konsument. Arbeiter und Konsument sind miteinander verwandt. Sie verbrauchen die Zeit. Sie haben keinen Zugang zur vita contemplativa.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 99
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Die vita contemplativa ist eine Praxis der Dauer. Sie stiftet eine andere Zeit, indem sie die Zeit der Arbeit unterbricht.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 94
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Wahrheit und Erkenntnis haben inzwischen einen archaischen Klang. Sie beruhen auf Dauer. Die Wahrheit hat zu währen. Sie verblasst aber angesichts einer immer kürzer werdenden Gegenwart. Und die Erkenntnis verdankt sich einer temporalen Versammlung, die Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart einspannt.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 44
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Aufgrund der Entzeitlichung findet kein narrativer Fortschritt statt. Der Erzähler hält sich bei jedem kleinsten und unbedeutendsten Ereignis lange auf, weil er nicht vermag, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Narration setzt Unterscheidung und Selektion voraus.  

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 32f
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Zwischen Punkten klafft notwendig eine Leere, ein leeres Intervall, in dem sich nichts ereignet, keine Sensation stattfindet. Die mythische und die geschichtliche Zeit lassen dagegen keine Leere aufkommen, denn das Bild und die Linie haben kein Intervall. [...] Die Punkt-Zeit lässt kein kontemplatives Verweilen zu.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 23f
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Aufgrund ihrer Zerstreuung entfaltet die Zeit keine ordnende Kraft mehr. So entstehen keine prägenden oder entscheidenden Einschnitte im Leben. Die Lebenszeit wird nicht mehr durch Abschnitte, Abschlüsse, Schwellen und Übergänge gegliedert. Vielmehr eilt man von einer Gegenwart zur anderen. So altert man, ohne alt zu werden.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 17
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Und das Subjekt der Erfahrung muss sich offen halten für das Kommende, ja für das Überraschende und Ungewisse der Zukunft. Sonst erstarrt es zu einem Arbeiter, der die Zeit bloss abarbeitet. Er verändert sich nicht. Veränderungen destabilisieren den Arbeitsprozess. Das Subjekt der Erfahrung dagegen ist sich nie gleich. Es bewohnt den Übergang zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Die Erfahrung umfasst einen weiten Zeitraum. Sie ist sehr zeitintensiv im Gegensatz zum Erlebnis, das punktuell, zeitarm ist. Die Erkenntnis ist genauso zeitintensiv wie die Erfahrung. Sie zieht ihre Kraft sowohl aus dem Gewesenen als auch aus dem Zukünftigen. Erst in dieser Verschränkung von Zeithorizonten verdichtet sich die Kenntnis zu Erkenntnis. Diese temporale Verdichtung unterscheidet die Erkenntnis auch von Information, die gleichsam zeitleer oder zeitlos im privativen Sinne ist.

In Byung-Chul Han - Duft der Zeit, S. 13